Vogelmenschen
Nach einigen verspäteten Wintereinbrüchen und Schneestürmen im April sieht es so aus, als würde jetzt endlich der Frühling Einzug halten in Changchun. Der Winter war endlos, die Menschen litten unter den sibirischen Verhältnissen. Wirklich warm ist es zwar noch nicht, aber dennoch scheinen sich viele nach dem Kalender zu kleiden – ab Anfang April trotzen sie den kalten Temperaturen mit sommerlicher Kleidung. Während ich noch auf meine vielschichtige Eskimo-Jacke angewiesen bin, laufen sie schon in Hemden und leichten Pullis rum. Ein weiteres Indiz für den bevorstehenden Temperaturumschwung sind Motorrollerpiloten, die, ausgerüstet mit krachenden Anlagen, aus denen derbe Bässe knallen, die Straßen zurückerobern. Auch hängen viele Geschäfte und Spießlokale die dicken Isolationsdecken ab. Im Winter muss man sich ständig durch schwere Vorhänge kämpfen, um ins Innere von Gebäuden zu gelangen - alles öffnet sich und das Leben verlagert sich nach draußen. Trotzdem. Irgendwas fehlt.
Es gibt keine Vögel. Jedenfalls hört und sieht man sie nicht. Als Vogel würde ich mir aber auch nicht Changchun als Lebensraum aussuchen. Vertrieben durch Lärm und Dreck, vergiftet durch Müll und Abwasser, verscheucht von ständiger Hektik. Exodus von Amsel, Drossel, Fink und Star. Wobei diese gefiederten Freunde noch einen tadellosen Ruf genießen – anders als die Spatzen. Die wurden ende der 50er Jahre vom Großen Vorsitzenden Mao Zedong als großes Übel ausgemacht. Schließlich fressen sie all den guten Reis weg und sind damit verantwortlich für Hunger, Not und Elend, also müssen sie sterben. Es folgte ein regelrechter Spatzengenozid - Bauern mussten mit Töpfen und Pfannen solange Lärm machen und die Vögel in der Luft halten, bis sie erschöpft oder tot vom Himmel fielen. Blöderweise mündete das in eine Insektenplage und China musste Spatzen aus Russland importieren.
Allerdings haben viele Vögel den Weg zurück in die städtische Gesellschaft gefunden: In Changchun gibt es keine Müllabfuhr, dieser Job wird von vielen Sammlern mit Handkarren und Fahrrädern erledigt. Sie laufen durch die Straßen und fordern die Anwohner laut rufend auf, ihren Müll nach draußen zu bringen. Mit ein bisschen Fantasie erinnern die Rufe an Vogelgezwitscher. Ich werde bei offenem Fenster von einem ‚HähHäääähHäh!’ geweckt. Könnte ein Auerhahn sein. Manchmal sind auch taubenartige Gurrgeräusche zu hören: ‚GuahhGuahh!’, oder aufgeregtes Krähengekreisch: ‚KahhhhKaaaahahaaa!’ (Das R ist auch für chinesische Krähen schwer auszusprechen).
Der Legende nach sind die Müllsammler Inkarnationen geschundener Vogelseelen. Klagend schieben sie ihre schweren Karren durch die Straßen und erinnern die Menschen an ihr Leid. Ein bisschen ist das so, als würden sie Material für den Nestbau sammeln. Das schaffen sie dann zu überall verstreuten Resthöfen, auf denen sie das Gesammelte sortieren und in seine Einzelteile zerlegen. Hinter meiner Schule sah ich kürzlich pechschwarze Rauchschwaden aufsteigen – neugierig schaute ich nach. Einige Vogelmenschen hatten zwei Sofas und einen Sessel in Brand gesetzt. So trennen sie für den Nestbau relevantes Material von wertlosem Schrott. In diesem Fall sind sie interessiert am metallenen Innenleben der Couchgarnitur, dem Fundament eines jeden stabilen Nests. Gut für sie, dass sie sich nicht mehr um ihre Artgenossen scheren müssen und guten Gewissens den Himmel verdunkeln können. So leben auch in Changchun Vogel und Mensch wieder glücklich und zufrieden in harmonischer Eintracht.

jan kammann am 15. April 10
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Spirituelle Tour de Force – Stairway to Heaven
Die letzte Etappe auf meiner Reise heißt Tai’An, eine Stadt am Fuße des heiligen Tai Shan. Heilig ist eigentlich untertrieben, der Tai Shan ist der heiligste der insgesamt 5 heiligen Berge des Daoismus – die Grabeskirche der Chinesen sozusagen. Nur Maos Mausoleum in Peking ist noch heiliger.
Tai’An ist eine recht gemütliche Stadt - ihre Einwohnerzahl liegt nur im einstelligen Millionenbereich, man kann sich also schnell in ihr zurechtfinden. Vor dem Aufstieg zum Gipfel über immerhin 6.600 Stufen stärke ich mich mit Spießen. Offenbar nicht nur in Changchun ein kulinarisches Highlight. Sowieso glaube ich, die Großartigkeit Chinas und sein Aufstieg zur Weltmacht hängt unmittelbar mit der Zubereitung von Speisen auf Spießen zusammen. Vielleicht auch noch mit der wilhelminischen Braukunst – mit einem ‚Tsingdao’-Pils, einem der letzten Überbleibsel teutonischer Expansionspolitik in China, spüle ich die scharf gewürzten Happen herunter.
Jährlich zieht der Berg angeblich fast 6.000.000 Touristen und Pilger an, das sind über 16.000 Menschen täglich. Kann ich mir kaum vorstellen. Vielleicht wurde da geschummelt, ich habe diese Zahl aus einem chinesischen Reisführer. Am Tag meines Aufstiegs ist es jedenfalls angenehm leer. Andererseits – zu Zeiten der chinesischen Neujahrsferien mäandern gefühlte Milliarden von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Wie auch immer, vor mir haben auf jeden Fall schon die prominentesten aller Chinesen den Aufstieg gewagt: darunter der erste Kaiser Qin Shihuang, Konfuzius und natürlich der Große Steuermann Mao Zedong. Der wird auf dem Berg stehend mit den Worten ‚Der Osten ist rot’ zitiert.
Bevor ich das beurteilen kann, muss ich erstmal die Stufen hinter mich bringen. Auf dem Weg zum Gipfel kommt man an vielen kleinen Tempeln vorbei, in denen man seine Ahnen ehren kann. An steinalte Zypressen kann man Schleifen mit Geldscheinen befestigen, die dann in den Besitz der Vorfahren übergehen. Habe ich noch in Qufu die Rufe meiner Ahnen ignoriert, lasse ich mich diesmal nicht lumpen und spende ihnen auch eine Kleinigkeit. Ich hoffe, sie brechen über die Aufmerksamkeit nicht in Streit aus und gehen sparsam mit dem Yuan (10 Cent) um. Ist zwar nicht viel, aber der alte Laozi, der Begründer des Daoismus, sagt schließlich, man solle sich aus weltlichen Dingen zurückziehen. So gesehen ist eine Geldspende sogar kontraproduktiv.
Entlang der scheinbar endlosen Treppe komme ich immer wieder an kleinen Altaren versehen mit Schlössern vorbei. So genannte Herzschlösser. Pärchen kaufen ein solches Herzschloss, schreiben ihre Namen drauf und ketten es an den Altar. Damit besiegeln sie ihr Schicksal – solange das Schloss hier hängt, sind sie nun unzertrennlich. Ich stehe da ganz alleine rum und guck blöd aus der Wäsche. Deshalb bin ich froh, dass Arthur, Turbobergsteiger und Geschäftsmann aus Shenzhen, des Weges kommt und wir gemeinsam den Rest des Tai Shan hoch hetzen können. Vorher zieht er aber noch zwei Dosen ‚Hong Niu’, Red Bull aus der Tasche und ermahnt mich, schnell zu trinken. Nur so wirkt der Stoff.
Dank Arthur verhalte auch ich mich nun angemessen auf dem Berg. Er erklärt mir, dass man unter keinen Umständen durch die vielen Tore geht, die die Stufen in Etappen einteilen. Das ist ausschließlich den großen Lenkern des Landes vorbehalten – das gemeine Fußvolk geht immer rechts vorbei. Ich will nicht respektlos sein und halte mich an die Anweisung, obwohl die meisten anderen Bergsteiger davon ziemlich unbeeindruckt scheinen.
Angeblich braucht man sechs Stunden für den Aufstieg – nicht mit Arthur. Als Geschäftsmann hat er es überall eilig und ich hab Mühe Schritt zu halten mit dem drahtigen Burschen aus Südchina. Auf dem Weg überholen wir auffällig viele alte Leute. An Gehstöcken schleppen sie sich quälend langsam die Treppen hoch. Arthur sagt, sie wollen schon mal den Ahnen ‚Hallo’ sagen, damit sie Bescheid wissen, wer da bald klopft an der Himmelspforte. Wir kaufen noch ein paar Dosen Red Bull.
Nach sagenhaften 3 Stunden erreichen wir dann das letzte Tor – das Tor zum Himmel. Von hier an, sagt Arthur nun, müsse ich alleine weitergehen. Er kann auf keinen Fall mit auf den Gipfel kommen, warum das würde er später erklären. ‚Hm, vielleicht Höhenangst’, denke ich und laufe weiter dem Himmel entgegen. Oben angekommen, kann ich Maos Spruch der Osten sei rot nicht nachvollziehen. Er ist eher grau. Liegt wohl am schlechten Wetter. Trotzdem hat sich der Aufstieg gelohnt, das Gebirge ist rau, es ist nebelig und gerade deswegen wirkt alles irgendwie mystisch.
Als ich wieder runtersteige, sehe ich Arthur schon von weitem Winken. Bin neugierig, was es mit seiner plötzlichen Verweigerungshaltung auf sich hat. Er erklärt mir, dass er als erfahrener Bergsteiger noch nie ganz oben auf einem Gipfel gewesen ist. ‚Was soll nach dem Gipfel noch kommen?’, fragt er, ‚Nur noch der Abstieg’, gibt er selbst die Antwort. Als Geschäftsmann ist er verantwortlich für über 1000 Mitarbeiter, die in Shenzhen Lautsprecher zusammenbauen – und das ist erst der Anfang. Es soll also weiterhin aufwärts gehen mit seiner Firma, der Gipfel ist noch lange nicht erreicht. Erst wenn das der Fall ist, also im hohen Rentenalter, kommt er noch mal wieder und bringt zu Ende, was er angefangen hat. Geht’s für mich jetzt etwa nur noch abwärts?
Oder westwärts – dahin hat es Laozi jedenfalls vor mehr als 2500 Jahren auf einem Wasserbüffel reitend gezogen. Genauso wie Konfuzius hat auch er den moralischen Verfall seiner Zeitgenossen beklagt und sah keinen anderen Ausweg als das Exil. Die Legende will es, dass er dann in Indien Buddha gelehrt hat oder sogar selbst zu Buddha wurde – schließlich kam der Buddhismus aus Indien. Aber das scheint selbst vielen Chinesen, die sonst ALLES erfunden haben, eher abwegig.
Für mich geht’s jetzt tatsächlich erstmal abwärts. Aber auch für Arthur. 6600 Stufen bis zum nächsten Spießlokal und einem leckeren Tsingdao. Abstiege können also auch was Gutes haben.

jan kammann am 08. April 10
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Spirituelle Tour de Force - Kaifeng und Qufu
Religionshopping in Kaifeng
Auf der Fahrt vom heiligen Song Shan zum Geburtsort Konfuzius’, Qufu in der Provinz Shandong, komme ich zuvor durch Kaifeng. Auf meiner chinesischen Sinnsuche eine nicht unwichtige Zwischenstation – leben hier doch schon seit mehr als 1000 Jahren Muslime in einem autonomen Stadtbezirk. Moschee, Muezzin und arabische Kopfbedeckungen verleihen dem Viertel ein orientalisches Flair. Außerdem ist hier die älteste jüdische Gemeinde Chinas ansässig – die ist allerdings sehr übersichtlich, über die Jahrhunderte sind die Einwanderer, die im 12. Jh. über die legendäre Seidenstraße ins Land gekommen sind, nahezu vollständig von Chinesen assimiliert worden. Reste einer Synagoge kann man aber noch bestaunen. Natürlich gibt es in Kaifeng auch eine Kirche, die Christen machen das Triumvirat des langweiligen Monotheismus komplett. Langweilig deshalb, weil nur eine Straße weiter ein lautstarker und farbenfroher Ahnenkult in einem buddhistischen Tempel betrieben wird. Dagegen wirkt die Stille in der Kirche beklemmend, fast deprimierend. All diese Einrichtungen liegen nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Alles ist friedlich, sogar harmonisch.
Am Bahnhof von Kaifeng passiert Seltsames. Ich treffe einen Amerikaner, den ich einige Monate zuvor im südwestchinesischen Dali getroffen habe. Laowais gibt es hier nicht viele, wir sind offenbar die einzigen im Bahnhof. Trotzdem geht die Wahrscheinlichkeit sich in diesem riesigen Land mit seinen Menschenmassen zweimal zufällig zu treffen gegen Null. Rational nicht zu erklären, passt aber zu meiner spirituellen Reise und so interpretieren wir in dieses Treffen als eine Art Vorsehung. Allerdings stelle ich in einem Spießlokal schnell fest, dass Mike und ich uns nicht viel zu sagen haben und ich ordne den Zwischenfall der Kategorie ‚Blöder Zufall’ zu. Trotzdem lässt Mike mich noch auf seiner Couch nächtigen. Keine Vorsehung und ziemlich profan aber ganz praktisch.
Zu Besuch bei Meister Kong
Qufu lebt von Konfuzius. Hier wurde Meister Kong vor mehr als 2500 Jahren geboren und ging während seiner Zeit den Mächtigen des damaligen Staates Lu mit seinen Weisheiten auf den Zeiger. Er beklagte moralischen Verfall und Dekadenz. Nachdem ein Fürst Lus 80 leichte Mädchen als Geschenk angenommen hatte, wird Meister Kong den Fürst wohl so oder ähnlich ermahnt haben: ‚Extravaganz führt zu Arroganz, Genügsamkeit führt Ärmlichkeit. Es ist besser arm zu sein als arrogant’ (meine Übersetzung aus einem englischsprachigen Konfuzius-Sprücheband). Dann ging er ins Exil in den Nachbarstaat Wei und gab auch hier bei jeder Gelegenheit ungefragt seine moralischen Grundsätze zum Besten. Das Fundament seiner Philosophie sind diese 4 Leitsätze:
1. Menschlichkeit
2. Gerechtigkeit
3. kindliche Pietät
4. Riten
Besonders die Punkte 3 und 4 sind allgegenwärtig – nicht nur in Qufu. Zu Lebzeiten sollen die Kinder allseits die Eltern ehren. Als ob es nicht schon schwer genug wäre die Lebenden bei Laune zu halten, muss man sich auch noch um die dahingeschiedene Verwandschaft kümmern. Die leben fort als Geister im Jenseits. Dort soll es ihnen an nichts mangeln und so kann man überall ‚Ahnengeld’ kaufen. Das wird dann verbrannt und steht so den den Geistern der lieben Vorfahren auf der anderen Seite zum Verpulvern zur Verfügung. Auch hier geht offenbar nichts ohne Cash. Gerne werden auch praktische Geräte verbrannt. Zum Beispiel gibt es Autos, Waschmaschinen oder Kühlschränke aus Papier. Die Ahnen sollen schließlich auch am Aufschwung teilhaben. Vergessen darf man sie auf gar keinen Fall – bei Vernachlässigung können sie großes Unheil über die Nachfahren bringen, sie regelrecht ins Verderben stürzen. Das muss natürlich unter allen Umständen verhindert werden und so wird viel Geld verbrannt.
Wie dem auch sei – zu seinen Lebzeiten hatte Konfuzius nur wenig Erfolg mit seiner Lehre. Erst nach seinem Tod wurde seine Philosophie zum ultimativen moralischen Maßstab im Reich der Mitte. Bis 1947 als auch hier Maos Schergen zuschlugen und die Familie Kong aus Qufu vertrieb. Den Vogel abgeschossen haben die Roten Garden dann während der Kulturrevolution. Bücher brannten und Gelehrte wurden ermordet. Der große Vorsitzende hatte einfach keinen Sinn für Religion. Jetzt ist Konfuzius aber rehabilitiert und seine Nachfahren können ungestört sein Erbe pflegen.
Das tun sie gerne und machen damit gute Geschäfte. Qufu ist ein beliebtes Ausflugsziel und scheint nur aus Hotels und Restaurants zu bestehen. Tempel und Wohnanlagen der Kongs sind aber auch wirklich eine Reise wert. Besonders der Familienfriedhof ist beeindruckend. Hier liegen nur Kongs begraben, in seinem Zentrum steht die Gruft des großen Meisters. Riesig ist das Gelände und alle Hinweisschilder sind chinesisch. Ich kann den Gruften also ihre Insassen nicht zuordnen – bis mir eine alte Dame über den Weg läuft, die damit beschäftigt ist, Müll zu sammeln. ‚Kongzi Mu zai nar?’ (Wo ist die Meistergruft?), frage ich sie. Sie lächelt und erklärt mir alles. Ich verstehe kaum ein Wort. Dann fordert sie mich auf, auf dem Gepäckträger ihres Fahrrads mitzufahren. Zusammen sammeln wir Müll und klappern alle wichtigen Grabstätten ab. Sie erzählt mir, sie sei eine Nachfahrin Konfuzius in der 76. Generation. Kaum zu glauben. Aber sie hat unheimlich wache Augen und ist schwer auf Draht. Nachdem wir alle bedeutenden Gräber abgeklappert haben, lade ich sie noch zum Pfannkuchenessen und auf eine Cola ein. Schließlich ist sie ist schwer außer Atem vom Fahradfahren mit einem schweren Laowai hinten drauf. Anschließend entlässt sie mich als Jünger des Meisters Kong.

jan kammann am 03. April 10
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Spirituelle Tour de Force - Buddhas Buddies
Trotz des mehr oder weniger schönen Frühlingswetters, das bedeutet in Changchun Temperaturen um die 0°, hab ich kalte Füße bekommen. Gut, dass ich zurzeit nicht gerade vor Arbeit umkomme. So konnte ich noch einen kleinen Ausflug machen – und zwar ins kulturelle Herzland Chinas. Auf einer 7-tägigen religiösen, philosophischen und spirituellen Tour de Force habe ich versucht zu verstehen, was die Chinesen so umtreibt außer Konsum und schnödem Mammon. In den Provinzen Henan und Shandong bin ich dabei auf allerlei illustre Gestalten getroffen. Konfuzius war dabei genauso wie Laozi und Buddha, aber auch vertraute Gesellen wie Jesus und Mohammed.
Der weise Laozi erscheint für Reisen dieser Art der beste Ratgeber. Er folgt dem ‚Wu Wei’, dem Prinzip des ‚Handelns ohne Kraftaufwand’. Dieses Prinzip lässt sich gut mit chinesischen Reisegruppen vereinbaren. Hier wird man ohne Aufwand mitgetrieben…
Buddha und Buddies
Allerdings ist das selten entspannend. Das habe ich erfahren in den Fängen einer Reisegruppe in den Longmen (Drachentor) Grotten in der Nähe der Stadt Luoyang. Auf einer Länge von etwa einem Kilometer entlang des Yi-Flusses haben vor mehr als 1500 Jahren Anhänger Buddhas begonnen, Skulpturen mit seinem Antlitz in den Stein zu hauen. Innerhalb der Grotten befinden sich dabei ganz unterschiedliche Figuren, einige sind gerade mal fingerhutgroß, andere sind bis zu 13m hoch. Die Geschichte dieses beeindruckenden Gesamtkunstwerks ist wechselhaft – waren einige Dynastien dem aus Indien kommenden Buddha wohl gesonnen, haben andere Herrscher ihn zum Sündenbock für ihre eigene Unfähigkeit gemacht und viele Statuen zerstören lassen. Zuletzt wurde eine weitere chinesische Gottheit eifersüchtig - Mao Zedong ließ während der Kulturrevolution in den 60er Jahren einen aggressiven Mob namens ‚Rote Garden’ auf die Figuren des friedvollen Meditationskünstlers los. Ausgerüstet mit derbem Werkzeug machte sich dieser über die Gesichter der Statuen her. Nachträglich hat aber wohl der große Steuermann den herberen Gesichtsverlust zu beklagen. Auf jeden Fall in meinen Augen – wie die Chinesen diesen Konflikt für sich lösen ist mir unklar, denn sowohl Buddha als auch Mao erfreuen sich größter Beliebtheit.
Schwierig ist es, die Geschichte des Ortes auf sich wirken zu lassen. Es gibt kein Entrinnen – an diesem Ort sind die Reisegruppen allmächtig, an Wochenenden sowieso. Auf dem riesigen Parkplatz vor den Grotten entladen Reisebusse ihre Fracht. Man kann beobachten, wie sich die Teilnehmer sofort hinter ihren Gruppenführen versammeln und Befehle abwarten. Die Gruppenmitglieder tragen, je nach Veranstalter, entweder bunte Kappen, T-Shirts oder beides. Die Befehle kommen prompt per Megaphon, daraufhin setzt die Menge sich in Bewegung. Immer den bunten Fähnchen des Reiseleiters hinterher.
Entlang der Grotten führt nur ein schmaler Pfad, von dem aus man die Statuen bewundern kann. Der Pfad ist schmal, die Reisgruppen sind groß und ich werde schnell gezwungen, es mit dem ‚Dao’ des alten Laozi zu halten, nämlich nicht in einem stetigen Akt des Willens Widerstand zu leisten. Ich lasse mich mitreißen in ihrem mächtigen Strom. Auch dass ich als Laowai ab und zu selbst als Attraktion herhalten muss, lass ich gleichmütig geschehen.
Erkenntnis des Tages: An Wochenenden keinen ‚Scenic Spot’ aufsuchen.
Um die Ecke der Drachtor-Grotten befindet sich ein weiteres buddhistisches Highlight. Der heilige Berg Song (Song Shan) und zu seinen Füßen das berühmte Shaolin-Kloster. Nach einer mörderischen Busfahrt in einem Kleinbus komme ich auch noch am selben Abend in der Nähe des Mönchsordens an. Das Kloster befindet sich im Niemandsland, es wird dunkel und ich weiß nicht so richtig wohin. Natürlich wird schnell ein netter Fahrer und Drücker in Personalunion auf mich aufmerksam und ich habe keine Wahl, als mich in seine Obhut zu begeben. Er quartiert mich ein im runtergerockten aber günstigen Gasthaus seines Freundes ein und dreht mir bei der Gelegenheit gleich noch ein Ticket für eine Shaolin-Show an. Ich greife zu – und stelle fest: manchmal kann man auch auf zwielichtige Gestalten hören. Es hat sich gelohnt. Inszeniert in einem Freilichttheater wie in Bad Segeberg vor der überwältigenden Kulisse des Song Shan ist alles dabei. Von wahnsinnigen Kung-Fu- und Stockkampfeinlagen und bombastischer Massenchoreographie über lieblichen Gesang und donnernden Drumbeats bis zu abgefahrenen Lichteffekten. Sogar eine Story hat die Show – der konnte ich nur bedingt folgen, aber es kommen eine Herde Ziegen, ein Ochse, ein Pferd, eine schöne Frau, ein flötespielender Junge und viele Kämpfer darin vor.
Auf dem Gelände des Klosters kann man die Ausbildung der Mönche bestaunen. Militärisch gedrillt folgen die einzelnen Klassen den Anweisungen ihrer Lehrer. Sie lernen Fußfeger, geschmeidiges Abrollen und Stockkampf. Der spirituelle Teil der Lehrer findet wohl im Kloster statt. Neben der abendlichen Show kann man sich auch hier von der Kampfkunst der geschäftstüchtigen Mönche überzeugen. Im Rahmen einer kleinen Darbietung kann man sich mit den Shaolin Waffen ausrüsten und zusammen mit den Mönchen fotografieren lassen. Nach der halbstündigen Fotoorgie werde ich Zeuge von allerlei Kampfperformances und von einem Mönch, der eine Stecknadel durch (!) eine Glasscheibe wirft. Die Scheibe bleibt heile und der dahinter hängende Luftballon platzt. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat.
Wenn man genug hat von den Mönchen und ihren Einlagen kann man sich aufmachen, den heiligen Song Shan zu erklimmen. Da immer noch Wochenende ist, wird der Aufstieg zu einem Martyrium aus ‚Hellos’ und ‚How are you’ rufen. Eine Klassenlehrerin weist ihre Schüler auf mich hin. Durch ihr Megaphon ruft sie irgendwas mit ‚Wai Guo Ren’ (Mensch aus fremden Land), woraufhin sich alles zu mir umdrehen und ihre Englischkenntnisse ausprobieren. Das alles ist wirklich nett, aber nur in Maßen zu ertragen. Auf dem Gipfel überwältigt mich dann doch buddhistische (oder die allseits gepredigte chinesische?) Harmonie und ich freue mich, am nächsten Tag Bekanntschaft mit einem weiteren Großmeister fernöstlicher Philosophie zu machen – mit Meister Kong in seiner Geburtsstadt Qufu.
jan kammann am 01. April 10
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Fotosafari Tauwetter - Au Revoir Tristesse
jan kammann am 24. März 10
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Changchun kulinarisch
Als Fastfood der nordostchinesischen Küche überall zu haben sind Spieße. An fast jeder Straßenecke steht ein Grillmeister und wendet leckere Häppchen für Zwischendurch. Hier allerdings häufig nur mit einer Sorte Fleisch, Schaf oder Huhn. Abwechslungsreicher ist die Karte in den vielen Spießlokalen. Diese gibt es auch überall. Sie sind leicht zu erkennen an schaschlikförmigen Lichterketten vor der Tür. Aber Vorsicht: Nicht verwechseln mit fußförmigen Lichterketten – hier gibt es keine Spieße, nur Prostituierte.
Hat man die richtige Tür erwischt, kann man sich die Holzspieße nach Herzenslust bestücken lassen - mit Pilzen, Tomaten, Paprika oder Peperoni. Ein besonderes Highlight für mich sind jedes Mal die Auberginen und in Tofu eingerolltes Gemüse. Natürlich befinden sich auch verschiedene Fleischssorten auf der Speisekarte. Huhn, Ente, Schwein, Rind und Hammel. Wahrscheinlich aufgrund ihrer Größe eigenen sich besonders die Innereien der geflügelten Freunde gut zum Verzehr auf Spießen - sie finden sich neben ihren Hälsen auf den Karten der Grillmeister. Meeresbewohner kommen auch nicht zu kurz. Am beliebtesten sind zweifellos die Tintenfische. Wahrscheinlich weil sie sich wegen ihrer Knochen- und Grätenlosigkeit gut zum Aufspießen eignen.
Magen- und Darmprobleme vermeidet am besten, indem man dem Mann am Grill nach der Bestellung ein ‚hen la’, sehr scharf, mit auf den Weg gibt. Den Anfängerfehler, sich während des Essens Nase oder gar Augen zu reiben, vermeide ich inzwischen. An das Kribbeln in Mund und Rachen gewöhnt man sich schnell – schneller geht’s mit Bier. Das wird in diesen Lokalen sowieso in rauen Mengen getrunken. Vermutlich einer der Gründe, weshalb es hier ausgesprochen rustikal zur Sache geht: Lautes ‚Ganbei’ Gebrülle und Geschmatze, gelegentliches auf den Boden Spucken und lautstarkes Nachbestellen sind genauso obligatorisch, wie die Bedienungen, die die Überreste gegangener Gäste einfach unter den Tisch kicken. Dazu passt das durchgerockte Interieur. Ehemals weiße Wände färben sich bräunlich, manchmal ins Schwarze gehend, die Tische und Stühle sind oft von einem Fettfilm überzogen und in den Ecken sammeln sich die Überreste vergangener Spießgelage. All das macht aber nichts – denn die Spieße schmecken stets hervorragend. Ich wage auch zu behaupten, dass sie nur in dieser Umgebung gut schmecken. Habe mal den Take-away-Versuch probiert und schnell festgestellt, dass das einem die Freude an Spießen verderben kann – Gegrilltes schmeckt einfach nur in Gesellschaft.
Sind die Spieße das Fast Food der nordchinesischen Küche, ist der Hotpot die Haute Cuisine. Gemein mit den Spießen ist ihm allerdings, dass er auch nur in Gesellschaft schmeckt. Auch geht es oft äußerst herb zu, in Restaurants in denen er zubereitet wird.
Man nimmt an großen, meistens runden Tischen, Platz, in denen der Hotpot bereits eingelassen ist. Oft ist der Hotpot zweigeteilt. Das ist besonders praktisch, wenn sich Vegetarier und Nicht-Vegetarier, Scharfesser und Nicht-Scharfesser einen Tisch teilen. In ihm wird dann ein Sud erhitzt, in den man im Grunde alles Essbare hinein schmeißen kann. Gemüse und Fleisch gleichermaßen. Allerdings sollte das Fleisch möglicht dünn geschnitten sein - einen rohen Hühnerhals möchte man schließlich nicht zwischen die Zähne kriegen. Hat man es geschafft, etwas mit Stäbchen aus dem brodelnden Topf zu fischen, es identifiziert und für gut befunden, dippt man es am besten in einer Erdnussoße. Die kühlt ab und schmeckt gut. Das Getränk der Wahl ist auch hier, wie sollte es anders sein, Bier. Chinesen lieben Bier.
Sind Spieße das Fast Food und der Hotpot die Haute Cuisine Nordostchinas ist die Kantine der Changchun Foreign Language School die Armenküche. Klingelt es zur Mittagspause um 11.35 Uhr strömt die Schülerschaft ins Erdgeschoss, die Lehrer in den 4. Stock des Hauptgebäudes. Dort befinden sich die Essäle der Schule. Im Erdgeschoss herrscht Chaos – schieben, drängeln, schubsen. Im 4. Stock auch. Die Lehrer kämpfen um die Pole Position am Buffet. Am guten Essen kann das allerdings nicht liegen, vielmehr wollen sie auf keine Minute ihres Powernappings in der insgesamt 90-minütigen Pause verzichten.
Die Kantine ist dabei recht praktisch eingerichtet. Direkt hinter dem Eingang sind zwei lange Tische aufgebaut, auf welchen sich bis zu fünf Behälter befinden. Zunächst muss man sich mit Stäbchen und Teller ausrüsten und dann in die Lehrerschlange einreihen. Um 11:36 ist diese unheimlich lang und reicht bis vor den Fahrstuhl im Flur – aber Abwarten ist nicht, denn der Koch ist sehr rigoros was seine Arbeitszeiten angeht. Manchmal glaube ich, er würde auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken, wenn man sich erdreistet, nach 11:45 nach etwas Essbaren zu fragen. Egal. Schlange stehen ist ja auch schön.
Nur sollte man die Vorfreude auf das Essen während des Wartens auf ein Minimum reduzieren. Ich wurde bisher noch immer enttäuscht. Im ersten Behälter befindet sich gewöhnlich Reis. Das ist gut – schließlich ist er geschmacksneutral. Im nächsten Behälter ist IMMER irgendwas mit Sellerie. Sellerie absorbiert den Geschmack von Allem. Ganz egal, was sonst noch in diesem Gericht ist – es schmeckt nach Sellerie. Der dritte Behälter ist oft sehr farbenfroh. In einer currygelben oder erbsengrünen Soße schwimmen verschiedene Zutaten. Allerdings schmecken die Zutaten nie nach Curry oder Erbsen, sondern irgendwie anders. Der vierte Behälter enthält dann wieder etwas Berechenbares. Meistens große Stücke Süßkartoffeln. Der fünfte Container ist dann wieder gefüllt mit kaum zu identifizierenden Nährschlamm. Zu trinken gibt es nichts – wenn man will kann man das Ganze mit lauwarmer Sojamilch runterspülen. Den Fehler habe ich aber nur einmal gemacht – als mich der Schulleiter zum Empfangslunch begrüßte und ich verkrampft versucht habe, mein Würgen vor ihm zu verbergen. Aber hey – immerhin ist das Essen umsonst.
…und dann ist da schließlich auch noch ‚Digger’s Donuts’ – ein Laden betrieben von zwei liebenswürdigen Australiern. Nur am Wochenende geöffnet, gibt es hier Sandwiches und Hotdogs zu Schleuderpreisen. Fragt man an einem bierseligen Freitagabend allerdings nach Donuts, erntet man nur ein Schulterzucken. Die gibt es nicht, weil ein chinesischer Donutmaschinengroßhändler, angeblich aus Angst vor der Konkurrenz, den Verkauf einer solchen Maschine verweigert. Eine Umbenennung in ‚Digger’s Nonuts’ wird deshalb diskutiert
jan kammann am 16. März 10
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Der Li Bo Zwischenfall
Eine schöne Eigenschaft an Chinas Menschen ist ihre unverblümte Neugier. Hält man sich bei uns gerne zurück mit so drängenden Fragen wie zum Beispiel nach dem Gehalt, wird man im Reich der Mitte ständig danach gefragt. Sei es von Taxifahrern, Kollegen oder Wildfremden. Irgendwie sympathisch – wollen wir doch im Grunde alle gerne wissen, wie es finanziell so bestellt ist um unsere Mitmenschen. Die Neugier ist unverhohlen.
Auch zeigt sie sich in den ständigen ‚Laowai’-Rufen, die einen abseits der großen Städte überall hin begleiten. Sie werden gerne auch kombiniert mit einem lauthals herausgebrüllten ‚Heeeello!’. Das unterstreicht dann die Englischkenntnisse des Rufenden. ‚Laowai’ bedeutet schlicht Fremder (eigentlich alter Fremder). Ich bilde mir ein, dass so gut wie nie etwas Negatives in diesen Äußerungen mitschwingt. Allein schon, weil sie meist unter freudigem Gejohle stattfinden. Feindseliger ist dann schon ‚Yangguizi’ – das bedeutet ‚fremder Teufel’ und wird wohl nur im Verborgenen oder (halb) im Spaß ausgesprochen.
Zurück zur Neugier. Gelegentliche spontane Fotosessions sind ein weiteres Symptom. Das ist aber völlig ok, schieß ich doch selbst oft Bilder aus dem Hinterhalt. Da ist die chinesische Variante ehrlicher. Auch meinem neugierigen Nachbarn Yang, der sich ab und an genötigt sieht, in meinem Beisein in meinen Sachen rumzuwühlen, kann ich so einiges Nachsehen.
Ab und zu allerdings schießen einige übers Ziel hinaus. So Li Bo aus Chengdu. Mit zwei weiteren Reisenden saß ich nach der Besichtigung einer gigantischen Statue des Großen Steuermanns auf den Stufen eines Kiosks. Gemeinsam haben wir über einem Bier den Personenkult verdaut als er plötzlich auftauchte. Zuerst beruhte die Neugier noch ganz auf Gegenseitigkeit – konnte er uns doch Wissenswertes über seine Heimatstadt berichten. Nach kurzer Zeit verschwand er auch wieder, allerdings nur um nach einigen Minuten mit 2 Flaschen Vodka-Mischgetränken wiederzukommen. Freudig bot er Zigaretten und Trinken an. Soweit so nett.
Etwas später dann, es wurde schon dunkel, beschlossen wir gemeinsam die Barszene Chengdus zu begutachten. Li Bo ist gerne eingeladen mitzukommen. Wir schlendern durch die Stadt – er gibt die Richtung vor. Der Fußmarsch zog und zog sich und langsam begann ich an seinen Ortskenntnissen zu zweifeln. Auch irgendwie sympathisch: ‚You want go Barstreet? Yes? Yes? Yes? I know Barstreet.’. Offenbar war es ihm unangenehm, einzugestehen, dass er keine Ahnung hat. Und das auch noch vor diesen Laowais. Auch nicht schlimm. Schlimmer wurde es dann, als er sich ausgerechnet mich als denjenigen ausgeguckt hat, der seine Pläne den anderen beiden kommunizieren sollte. Denen war sowieso alles egal. Sie ließen sich während unseres Spaziergangs zurückfallen und genossen die nunmehr aggressiven Annährungsattacken Li Bos auf meine Person.
Auf mein Nachfragen, ob er denn nun wüsste, wohin die Reise geht, reagierte er irritiert. Natürlich liege unser Ziel in der nächsten Querstraße, sagte er. Er wiederholt dies Querstraße um Querstraße um Querstraße. Eigentlich unheimlich lustig, besonders als er plötzlich sein Telefon zückte, einen Freund anrief und diesen um Auskunft bat. Vielleicht jetzt. Von wegen: Es folgte Querstraße auf Querstraße. Mittlerweile waren wir schon einige Stunden unterwegs, Changdu ist keine Kleinstadt, und ich konnte das andauernde Fragendauerfeuer so langsam nicht mehr ertragen. Li Bo zupfte nun penetrant an meinem Ärmel und erkundige sich immer wieder nach denselben Dingen: ‚What you work?’, ‚How much earn?’, ‚Like China?’, ‚You think China is beautiful?’‚Like China girls?’ usw.. Mir war ja klar, dass er durch diese Pseudoneugier nur von seinem eigenem Unvermögen die Barstreet zu finden ablenken wollte. Das tat mir leid und ich antwortete weiter brav auf seine Fragen.
Irgendwann reichte es aber doch mit der Lauferei. Wir winkten ein Taxi ran, Li Bo demonstrierte wütend. Er wüsste doch nun Bescheid und schließlich wollten wir doch einen kleinen Stadtrundgang machen. Aber doch keine 4 Stunden, lieber Li Bo. Dem Taxifahrer sagten wir, dass wir gerne irgendwo hinfahren würden, wo es zu essen und zu trinken gibt. Alles klar. Natürlich war Li Bo dabei. Zum Glück ignorierte der Fahrer seine Anweisungen. Nach kurzer Fahrt war es dann geschafft. Essen und Trinken schienen greifbar – überall Restaurants und Bars um uns herum. Für Li Bo schien die Sache damit erledigt zu sein: ‚You want to go sleep now?’. ‚Was? Nein! Natürlich wollen wir hier bleiben und essen und trinken!’ Er schaute enttäuscht aus der Wäsche.
Kleine Stände in der Gegend hatten alles, was man zum überleben braucht. Gegrilltes und Bier. Während wir da so standen, nestelte Li Bo weiter an meinem Ärmel herum und stellte Fragen. Ich versuchte mich ihm zu entziehen, indem ich einige Schritte zurück trat. Half nichts, er folgte mir. Jetzt ging ich einfach zielstrebig in den nächstbesten Laden - eine Disco – nur um ihn abzuschütteln. Die anderen bleiben zurück. Er folgte mir auch als ich meine Schritte beschleunigte und fast schon durch den Laden rannte, besessen davon, endlich diesen Li Bo abzuschütteln. Es gelang mir nicht. Gerade als ich dachte, ich sei ihn endlich los, tauchte er hinter mir auf.
Dann erblicke ich einen Hinterausgang, reiße die Tür auf und gelange durch ein Treppenhaus in eine Tiefgarage. Bestimmt hätte es elegantere Wege gegeben, diesen Mann loszuwerden – ich entschied mich dafür, mich hinter einem parkenden Auto zu verstecken. Dort harrte ich einige Minuten aus und hoffte Li Bo würde endlich aufgeben. Dann verließ ich die Garage durch die Ausfahrt. Ängstlich blickte ich mich um als plötzlich Li Bo auf mich zustürzte: ‚Where your friends?’, fragte er noch. Dann platzte mir der Kragen und ich herrschte ihn an, dass ich nur noch allein sein wolle. ‚You want sleep?’, rief er mir hinterher. ‚Please! Understand! I want to be alone!’, schrie ich zurück und rannte davon.
Nach stundenlanger Belagerung war ich völlig zermürbt und wollte tatsächlich nur noch allein sein. Die anderen beiden habe ich dann erst am nächsten Morgen im Hostel wieder getroffen. Im Nachhinein bin ich meinem Peiniger allerdings sehr dankbar, habe ich durch ihn doch gelernt, die Li Bos dieser Welt besser zu erkennen und sie von Anfang an freundlich aber bestimmt auf Distanz zu halten - schließlich ist ja nicht immer ein Parkhaus in der Nähe.
jan kammann am 08. März 10
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Benimmunterricht
jan kammann am 04. März 10
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China, wie es sein möchte
Man hört ja so einiges aus dem Reich der Mitte: Folter und Unterdrückung, Umweltzerstörung, Zwangsumsiedlungen.
Das alles findet in Dali und Lijiang nicht statt. Hier hat China sich zwei Orte geschaffen, in denen alles so ist, wie es sein sollte: Harmonisch. Schließlich ist Harmonie offizielle Staatsdoktrin. In zivilisierter Art und Weise möchte man dort zusammenleben.
Die beiden Orte sind beliebte Reiseziele in Südchina. Sie liegen in der Provinz Yunnan, einem Gebiet in dem 25 der 52 offiziell anerkannten Minderheiten im Land leben. Und mit denen soll es gefälligst harmonisch zugehen. In Dali sind das die Bai. Um die Altstadt herum führen sie ein normales Leben. Landwirtschaft und Fischen im nahen Erhai (ohrenförmiger See), nettes Beisammensein bei Hochzeiten und abendliches Pfeife schmöken. Innerhalb der Stadtmauern könnte man meinen, sie seien Teil einer Kulisse, aufgebaut für die vielen Touristen. In ihrer traditionellen Kleidung laufen sie herum und sind eignen sich hervorragend als Fotomotive. In kleinen Geschäften und Restaurants bieten sie Bai-Rauchwerk, Stoffe und Trachten an. Alles wirkt irgendwie inszeniert aber sehr friedlich.
Auch die Stadt selbst ist herausgeputzt und aufgeräumt. Die alten Stadtmauern wurden restauriert und werden abends in schönem Licht illuminiert. Die über 1000 jährige Geschichte wird gehegt und gepflegt, was in vielen anderen chinesischen Städten nicht unbedingt selbstverständlich ist. Keine Abrissbirne zu sehen in Dali. Dazu die jenseits der Altstadt liegenden Bergketten und blauer Himmel – hach ist das schön. Und das ist es tatsächlich. Die Harmonie ist überwältigend. Die Menschen, Touristen wie Bai, machen einen fröhlich entspannten Eindruck.
Als wir dann aber die Stadt verlassen in Richtung Norden nach Lijiang, kommt es mir so vor, als verlassen wir eine Blase, in der das Leben mit Realität wenig gemein hat. Besonders deutlich wird das, als wir in Lijiang New Town ankommen. Es gibt zwei Lijiangs, ein altes, ein neues. Das neue sieht aus wie jedes andere chinesische Provinzkaff. Hässliche Neubauten, riesige Flächen einfach mal betoniert und wahnsinnig breite Straßen, die sich nur unter großer Gefahr überqueren lassen.
In der Altstadt dann wieder ein ganz anderes Bild. Es wird schnell deutlich, warum Lijiang das beliebteste Reiseziel Yunnans ist. Auch hier erstrahlt die historische Altstadt in schönem Glanz. Die über 800 Jahre alte Stadt mit ihren geschwungen Ziegeldächern, kleinen Bewässerungskanälen und Kopfsteinpflastergassen ist aber auch eine Augenweide. Die Stadt liegt immerhin schon auf 2600m über dem Meeresspiegel und die umliegenden Hochgebirge lassen schon den nahen Himalaya erahnen. All das trägt auch hier zu einer recht harmonischen Stimmung bei. Und die chinesischen Touristen sind zu Recht stolz auf ihr Lijiang. Ständig werden wir gefragt, was wir von der Stadt halten. Natürlich ist nur eine Antwort zulässig: ‚Fei chang piao liang, sehr schön’. Alles andere käme einer Beleidigung gleich - als würde jemand den Hamburger Michel oder die Bremer Stadtmusikanten als widerlichen Schandfleck bezeichnen.
Die lokale Minderheit heißt hier Naxi. Wie die Bai in Dali sind sie das Salz in der Suppe von Lijiang. In ihren Trachten präsentieren sie sich den Touristen und bieten lokale Köstlichkeiten an. Abends führen sie traditionelle Tänze für die Massen auf. Wieder alles sehr harmonisch. Das soll auch niemand stören: Auf Schildern wird man zu zivilisiertem Verhalten aufgefordert. Das heißt wohl soviel wie Spucken, Rumbrüllen und Rumhängen verboten – erstaunlicherweise halten sich alle daran. Anders als in meiner chinesischen Heimat, dem rauen Nordosten, hört man kein aggressives Hochziehen und Rotzen. Auch lautes Gepöbel und Gehupe nicht: Autos sind nicht erlaubt in den engen Gassen.
Für mich ist das alles relativ verwirrend, zwingt es mich doch (schon wieder) mein Chinabild zu überdenken. Wieder stellt sich das Land in einem ganz anderen Licht dar. Bisher habe ich es mir immer sehr leicht gemacht und geglaubt, die Minderheiten und deren Lifestyle interessieren die Chinesen gar nicht. Von wegen Harmonie. Die olympische Flame of Shame ist mir noch in guter Erinnerung. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass die Naxi und die Bai in den Altstädten von Lijiang und Dali wie in so einer Art Museumsdorf leben, aber die (wohlhabenden) hanchinesischen Touristen in Lijiang haben offensichtlich ein aufrichtiges Interesse an Lebensart und Bräuchen. Vielleicht ist das so ähnlich wie in Hamburg mit den Shanty-Chören – auch eine bedrohte Art, deren folkloristische Touri-Bespaßung jeder toll findet.

jan kammann am 03. März 10
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In Changchun II
Fast 2 Monate hat es gedauert, um von Bangkok nach Changchun zu gelangen. Natürlich kann den Trip auch schneller bewältigen, aber wir haben uns Zeit gelassen und versucht, die Vorgänge genau zu verstehen.
Zeit nehmen sollte man sich sowieso - das zeigt das Beispiel eines Busfahrers in Südosten Yunnans. Er hielt es für angemessen, die Fahrt zu unterbrechen, um sich auf offener Straße die Haare zu waschen. Wir wurden unruhig, weil der Anschlussbus im nächsten Ort bereits wartete. Er massierte weiter seine Kopfhaut. Alle anderen Fahrgäste blieben ungerührt im Bus sitzen.
Ein bisschen was von dieser Einstellung zur Zeit hätten wir in Vietnam gebraucht. In Hanoi hat es keine halbe Stunde gebraucht, ehe wir uns einen völlig langweiligen und überteuerten Trip in die Halong Bay haben andrehen lassen. Man könnte ja was verpassen... Das nächste Mal lieber erstmal die Haare waschen und einen kühlen Kopf bewahren.
Wie auch immer - unter diesem Beitrag habe ich eine kleine Fotoserie zusammengestellt, die in Bangkok beginnt und in der chinesischen Provinzstadt Changchun endet. Hier werde ich in den nächsten 4 Monaten wieder Highschoolkids bespaßen und als einziger Insasse der 'Foreign Language Teachers Residence' auf neue Nachbarn warten.
Bis dahin - ich hoffe, Ihr seid alle wohlauf! Take it easy everyone.
Eine Sache nur noch: Wenn man den Mauszeiger auf die Bilder hält, kann man dazu Kommentare lesen. Oldschool-Bildunterschriften gibt's hier irgendwie nicht...
jan kammann am 27. Februar 10
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