Mittwoch, 21. August 2013
Move it...!
Ich bin umgezogen. Meine neue Anschrift lautet:

http://ostbote.wordpress.com/

Schaut vorbei, ich freu mich!

Jan



Sonntag, 30. Juni 2013
Hasstana
Astana. Ich sitze im Flugzeug und denk’ mir so, jetzt bin ich aber fast da, wa? Ich steige aus, gehe durch den Passagiertunnel und wende mich direkt an den Einreisestand. Ich brauche ein Visum für einen Tag – schließlich habe ich 14 Stunden Aufenthalt in der kasachischen Hauptstadt bevor es weitergeht nach Peking. Ich will mir anschauen, wie eine Stadt aussieht, die in kürzester Zeit von einem staubigen Steppenkaff in eine prächtige Kapitale verwandelt wurde. Diese spektakuläre Metamorphose wurde 1997 vom gottgleichen Präsidenten Nursultan Nasarbajew beschlossen und mithilfe von Rohstoffmillionen prompt umgesetzt.

Gottgleich bin ich nicht und so werde ich von der streng dreinblickenden Beamtin der Einreisebehörde barsch abgewiesen. In ihrem poststalinistischen Chic weist sie mich knapp und bestimmt darauf hin, dass Kasachstan keine Tagesvisa ausgibt. Streng zeigt sie zeigt mir den Weg in die Aufenthaltshalle für Transitreisende. Zu meinem Verblüffen muss sie bis zu meiner Weiterreise auch noch meinen Pass einbehalten. ‚You get back the documents when you leave Astana’, sagt sie mit einem Akzent, der mich an die russischen Schurken aus alten James Bond Filmen erinnert. Dieser Tonfall duldet keinen Widerspruch. Uaaah! Hasstana!

In der Abflughalle bin ich von den Flughafenangestellten, die scheinbar sinnlosen Tätigkeiten nachgehen (den ohnehin schon glänzenden Boden wienern, Flaschen im Duty-Free Shop abstauben, patrouillieren) mal abgesehen, der Einzige. Ich beschließe, mich erstmal zu setzen. Freie Platzwahl auf den Sitzbänken habe ich ja schon mal. Krasstana – 13 Stunden in völliger Ereignislosigkeit. Das wird hart, denke ich mir. Als nächstes wundere ich mich über die Ansagen, die ständig in einer Wahnsinnslautstärke durch die Halle dröhnen. An wen richtigen sich diese scheinbar wichtigen Informationen in russischer und kasachischer Sprache? An mich etwa? Glaube ich nicht, trotzdem macht mich der Lärm irgendwie nervös. Wahrscheinlich vertreibt sich aber einfach jemand die Zeit mit Quatschdurchsagen. Der nächste Abflug ist erst heute Nachmittag geplant und bis dahin sind wohl keine Adressaten zu erwarten.

Astana - ein Abenteuerpielplatz

Irgendwann fällt mir die Fußballnationalmannschaft ein, deren hypersensible Kicker kürzlich in Arschtana gegen die kasachische Elf gespielt haben. Um ihre zarten Seelen nicht unnötig zu strapazieren und sie nicht aus dem immergleichen Rhythmus aus Training und Spielen zu bringen, haben die DFB-Funktionäre die Reise so arrangiert, dass die Spieler den 5-stündigen Zeitunterschied gar nicht merken. Für die Kasachen war es bereits Mitternacht, als für die Deutschen ein angenehmer Abendkick angepfiffen wurde. Der DFB ist so mächtig, für ihn gelten keine Naturgesetze. Und Befindlichkeiten solch unbedeutender Fußballzwerge wie Kasachstan einer ist, interessieren schon mal gar nicht.

Ich habe lange nicht geschlafen und fühle mich wie gefangen in einem Zeitloch. Mein Biorhythmus wird nachhaltig gestört sein und schuld daran ist wahrscheinlich der DFB, an dem sich Kasachstan nun rächen will, so dünkt es mir in einem Anfall müder Paranoia.

Noch 10 Stunden. Ich versuche es mit Fluchtschlaf. Das gelingt mir lang ausgestreckt über die Sitzbänke für einige Minuten. Dann werde ich geweckt von einer Flughafenangestellten mit dem Hinweis, ich solle besser nicht schlafen. Am Ende würde ich noch meinen Flug verpassen. Sehr fürsorglich, wie ich finde, aber auch unnötig. Ich erkläre der freundlichen Uniformierten, dass mein Flugzeug voraussichtlich erst in einer ganze Weile eintreffen wird. Selbst wenn es mir gelänge, bis dahin zu schlafen, ist es doch relativ unwahrscheinlich, den Flug zu verpassen. Das Einstiegsgate befindet sich keine 20 Meter von mir entfernt. Damit stöpsel ich mir Kopfhörer in die Ohren und versuche, wieder zu entspannen. Das wird mir aber nicht mehr gelingen.

Das ist kein Spasstana. Gelangweilt, müde und frustriert komme ich mir langsam so vor, als gehöre ich schon zum Inventar der Abflughalle, die sonst nur durch völlige Reizarmut auffällt: Leere Sitzreihen, langweilige Geschäfte mit noch langweiligeren Artikeln und gelangweilten Angestellten. Nicht mal eine Bar, immerhin aber ein Raucherraum. Plötzlich fällt mir mein Pass ein und dass es eigentlich keinen Grund für die kasachischen Behörden gibt, ihn noch länger einzubehalten. Als Zeitvertreib und aus purer Streitlust versuche ich mich an einer Staatsbeamtin, die genauso gelangweilt wie alle anderen in der Gegend rumsteht. Ich sage ihr, dass ich mir so gerne die Stadt angeschaut und mich gemeinsam mit den Einwohnern Astanas über ihre glorreiche Zukunft gefreut hätte. Meine Einreise sei aber ja unerwünscht und deswegen könnte ich jetzt jawohl meinen Pass zurückhaben. ‚You will get back your documents when you leave’, antwortet sie kalt. Verdammtes Provinzloch, verdammter DFB.

goodbye Astana - ich werde Dich nicht vermissen

Meinen Frieden mit Lasstana-mich-hier-raus mach ich aber doch noch, als ich bemerke, dass der Flughafenangestellten, die mich geweckt hat, eigentlich auch nur langweilig war. Sie wollte ins Gespräch kommen und vielleicht etwas Englisch lernen, wie ich Stunden später erfahre. Leidensgenossen sind wir, treibend in einer endlosen Schliefe aus Zeit. Von ihr erfahre ich außerdem, dass hier immer so wenig los ist und dass die kasachische Sprache der türkischen nicht unähnlich ist. Dann, 2 Stunden vor Abflug, treffen endlich weitere Passagiere ein. Es gibt doch noch eine Außenwelt! Es ist also fast geschafft, die Qual fast zu Ende: Ich bekomme hochoffiziell meinen Pass zurück, steige etwas später ins Flugzeug und blicke ganz ohne Wehmut aus dem Fenster als wir schließlich abheben. Nur die Angestellten des Flughafens tun mir leid. Ich konnte triumphierend entkommen, für sie wird das nicht ganz so einfach sein, vermute ich. Verdammtes Astana!



Montag, 30. Juli 2012
Keinraumfahrt
Oh nein, oh nein. Ich hab’s geahnt. Keine Zugtickets für die 13-stündige Nachtzugfahrt von Yan’an nach Peking. Auf jeden Fall nicht im Sitzen und schon gar nicht im Liegen in einem der komfortablen Schlafwagen. Ausverkauft für die komplette nächste Woche. Nur Stehplatzkarten sind drin. Mir bleibt keine Wahl, als einen Höllentrip auf Schienen auf mich zu nehmen.

Wenigstens bin ich nicht alleine. Vor der Abfahrt versammele ich mich mit meinen Leidensgenossen in spe in der Abfahrtshalle. Die Stimmung ist angespannt, jeder will ganz vorne mit dabei sein, wenn die billigen Plätze vergeben werden. So auch ich – schon vor dem Öffnen der Schleuse zum Bahnsteig befinde ich mich in einer wogenden Menge aus schweißnassen Leibern, die ungeduldig die Ankunft des Zuges herbei sehnt. Die Jungen und Alten, die Frauen und Männer wissen, was auf dem Spiel steht: ein unkomfortabler Platz in irgendeiner Ecke, der sich mit ein bisschen Glück sogar als Sitzgelegenheit eignet oder ein ganz und gar unerträglicher Zwischenraum im Niemandsland jenseits aller Ecken und Wände, ohne die Möglichkeit sich irgendwo anzulehnen. Auf der Hut sein, ist also angesagt und auch nachdrücklicher Ellbogeneinsatz.

Der Zug trifft ein, die Türen öffnen sich. Wie Vieh werden wir in die bereits übervollen Waggons gedrängt (Yan’an ist nur eine Zwischenstation), hilflos, passiv und völlig ausgeliefert zwischen die anderen Passagiere gequetscht. Als ich irgendwo zwischen zwei Waggons zum Stehen komme, blicke ich mich um und kann kaum fassen, dass so der Alltag für die Mehrheit der Reisenden in China aussieht: Stehend, kauernd, in den Ecken hängend, sich an ihr Gepäck klammernd – so harren sie aus auf den Zugfahrten, die sie in vielen Stunden an ihr Ziel führen. Erschwerend hinzukommt, dass die Massen ständig in Bewegung sind. Unentwegt drängen weitere Menschen schnaufend und schwitzend durch die Waggons auf der verzweifelten Suche nach etwas Raum zum Atmen.

Als der Zug einige Minuten rollt, wird es ruhiger. Aber nur etwas. Denn zu meinem Entsetzen stelle ich fest, dass ich in unmittelbarer Nähe zum Heißwasserspender stehe. Für viele meiner Mitreisenden ist offenbar keine Anstrengung zu groß, um sich Tee oder Nudeln aufzugießen. Ächzend zwängen sie sich mit ihren Instantnudelgefäßen und/oder Isolierbechern zum rettenden Automaten. Dabei verspritzen sie stets kochend heißes Wasser auf meinen Nebenmann, der dies jedes Mal mit einem düsteren Knurren quittiert, sonst aber weiter nichts unternimmt. Auf ihrem Rückweg besudeln sie mich mit fettiger Nudelpampe. Auch ich unternehme nichts.

Allerdings frage ich mich doch, wieso hier nicht mal jemand ernsthaft wütend wird und hässlich durchdreht, denn zu ertragen sind diese Art Zugreisen nur schwer. Auf jeden Fall für mich. Der Gleichmut, mit dem meine Mitpassagiere die Tortur ertragen, ist bemerkenswert. Ich vermute, das hängt mit der Sozialisation der Menschen im Milliardenland China zusammen. Viele kennen das, was wir Privatsphäre nennen nicht wirklich. In der Familie, in der Schule, in der Uni – Zeit ihres Lebens teilen sich die meisten Menschen ihren Lebensraum mit vielen anderen. Von Zuhause bis in die überfüllten Schlafsäle der Bildungsanstalten: Von wegen eigenes Zimmer, Teilen ist angesagt. Dadurch erhält das Bedürfnis nach Raum eine ganze andere Wertigkeit.

Platzmangel

Vieles, was meine Geduld empfindlich strapaziert, wird hier einfach ausgehalten. Einige diskutieren in einer Wahnsinnslautstärke über dies und das, während zu ihren Füßen nervenstarke Mütter ihre schlafenden Kinder auf dem Arm halten. Wieder andere verwandeln ihre Umgebung binnen kürzester Zeit in eine Müllkippe, was von den Umstehenden stoisch ertragen wird. Ich hingegen schwitze vor Hitze und Platzangst und bin wütend auf diejenigen, die die Züge so hoffnungslos überbuchen. Doch Wut und Angst sind diffus und können sich vor Ort gegen niemanden konkret richten. Diese Art negativer Gefühle sind hier eindeutig nicht zu gebrauchen und so versuche ich mich so gut es geht dem Gleichmut anzupassen.

Einige meiner Mitreisenden sind mittlerweile sogar bester Dinge und blicken voller Zuversicht dem Ziel entgegen, auch wenn das noch in weiter Ferne liegt. Na ja, relativ weit. ‚Wie lange ist es noch bis Peking?’ ‚Neun Stunden’, lautet die freudige Antwort, der ein ‚Jetzt haben wir es ja bald geschafft’ mitschwingt. Neun Stunden sind für mich eindeutig neun Stunden zuviel, eine Wahl habe ich aber nicht.

Also beginne ich, meine relativ lange Restreisezeit
damit zu verbringen, mich über die Verkäufer kleiner Snacks und Getränke aufzuregen, die den Vogel spektakulär abschießen: Mit metallenen Wägelchen, die sie unter größter Kraftanstrengung die Gänge entlang wuchten, scheuchen sie die Siechenden hoch und preisen dabei lautstark ihre Produkte. Erschrocken vom Gebrülle und Geklapper schrecken die Reisenden dann schläfrig hoch. Anstatt die Verkäufer, die auch nicht wirklich zu beneiden sind, zum Teufel zu jagen, decken sich viele mit Snacks und Getränken ein. Ich habe zwar Durst, kaufe aber nichts, aus Gereiztheit und Angst später zur Toilette zu müssen.

Die Zeit vergeht schleppend. Irgendwann gelingt es mir, meinen Rucksack so gegen eine Wand zu bugsieren, dass er zur Sitzgelegenheit taugt. Das ist einigermaßen bequem, hält aber nur bis zum nächsten Stopp. In den Waggon zwängt sich unter anderem ein unfassbar aufdringlicher Typ, der es offenbar lustig findet, ohne Unterlass auf mich einzureden. Ich bin zu müde, um mich zu wehren. Ohne zu fragen wieselt er sich auch noch mit auf meinen Rucksack, meine Burg, und beginnt mir unangenehm auf die Pelle zu rücken. Das ist genug, ich kann ich nicht mehr. Wie ein Zombie erhebe ich mich, um mich nur ein paar Meter weiter dorthin zu begeben, wo nur der Abschaum steht: Die Raucher. Mit ausdruckslosen Gesichtern stehen sie da und qualmen ohne Unterlass. Ich ahne, dass genau dies mein Schicksal sein wird für die nächsten Stunden.

Die Zeit vergeht weiter schleppend. Ich beobachte meinen Rucksack samt Besatzung. Die Nervensäge ist noch immer da, der Platz neben ihm inzwischen neu besetzt. Soweit, so beruhigend. Aus der Entfernung beginnt mich der aufdringliche Typ zu interessieren. Irgendwas hat an sich, das auch andere nervt. Er sabbelt ununterbrochen und wirkt ziemlich nervös. Auch scheint er wahnsinnig neugierig, ständig richtet er bohrende Fragen an alle möglichen Umstehenden, die nur einsilbig antworten.

Plötzlich kommt eine Frau, beladen mit Peking-Stadtkarten, den Gang entlang. Eine für fünf Yuan (60 Cent). Die Nervensäge springt sofort auf und kauft eine, um sich sogleich wieder zu setzen und das mehrere Quadratmeter große Ungetüm aufwändig vor sich auszubreiten. Konzentriert studiert er das Stadtgebiet und ringt um Orientierung. Schnell wird klar, er braucht Hilfe. Schon jetzt, obwohl ihn noch mehrere Stunden Fahrzeit in diesem Horrorzug von seinem Ziel trennen. Unmittelbar vor ihm findet er eine ortskundige Frau, die ihm auf seiner Reise mit dem Daumennagel unterstützt.

Langsam begreife ich: Er ist so aufgeregt und redefreudig, weil er zum ersten Mal in die große Stadt kommt. Die Nervensäge ein Glücksritter, der sich aufmacht, die große Stadt zu erobern?

Als ich ihn so beobachte, wächst meine Anerkennung und ein schlechtes Gewissen, weil ich so überstürzt von ihm weg bin. Seine mangelnde Rücksichtnahme auf mich interpretiere ich nun als das Bedürfnis nach etwas Halt in dieser ihm völlig fremden Welt. Im einzigen Ausländer hat er wohl so etwas wie einen Gefährten gesehen. Einen Freund, der genauso orientierungslos ist wie er selbst.

Ich beschließe, mir den Platz neben ihm auf meinem Rucksack zurückzuerkämpfen. Geraucht habe ich sowieso schon zuviel und stehen kann ich auch nicht mehr. Der Glücksritter freut sich. Meine Solidarität bringe ich mit meinem Englisch/Chinesisch Wörter- und Phrasenbuch zum Ausdruck. Für den Rest der Fahrt üben wir gemeinsam eine Fremdsprache, die uns in der großen Stadt unter Umständen zum Vorteil gereicht. Meine Hoffnung nach ein wenig Schlaf und Ruhe habe ich aufgegeben – und siehe da – die Welt sieht schon wieder viel bunter aus. Zeit und Raum sind relativ und wie Laozi, der große chinesischer Philosoph und Lebenskünstler, schon vor mehr als 2.500 Jahren postuliert hat, ist es müßig, sich dem Unausweichlichen entgegen zu stemmen. Das kostet nur unnötig Kraft und bringt einen auch nicht schneller ans Ziel. Es gelingt mir sogar, zusammen mit meinem neuen Freund, den Rest der Zeit zu genießen. Allerdings hat es ein paar Stunden und eine vermeintliche Nerversäge gebraucht, um zu erkennen, dass auch eine Zugfahrt relativ ist und irgendwann endet.

Zweiklassenzuggesellschaft - diese Passagiere haben einen Sitzplatz



Donnerstag, 19. Juli 2012
Abgefüllt in Yan'an
In Yan’an endete Maos Langer Marsch. Nachdem er die Macht der Roten Armee im subtropischen Zunyi 1.500 Kilometer südlich übernommen hatte, das heute ein Wallfahrtsort für Chinas rote Touristen ist, führte er die Seinen unter großen Anstrengungen über steile Bergkämme, reißende Flüsse und durch endlose Ebenen ziellos umher. Immer nordwärts auf der Flucht vor Hunger und unerbittlichen Feinden. Endlich, nach inzwischen über einem Jahr der Wanderschaft, errichtete er dann seine Kommandozentrale in der staubtrockenen Provinz Shaanxi. Versteckt in Höhlen hauste hier das Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas in der Nähe der Kleinstadt Yan'an und harrte ihrer Chance.

Meine Chance in Yan’an kommt schnell. In Form eines netten Mädels, das ihre Englischkenntnisse aufpolieren möchte und froh ist, endlich mal einem Ausländer ihre Stadt zu zeigen.

Zügig beginnen wir mit dem Programm, die Zeit ist schließlich knapp. Sie wundert sich, weshalb ich mich so für Mao und seine Höhlen interessiere, Ich versuche ihr mein Anliegen zu erklären; meinen Versuch, zu verstehen, wie das moderne China die so offensichtlichen Widersprüche zwischen den Kollektivierungen vergangener Tage und der heutigen Konsumgeilheit für sich löst. Das alles lässt sie kalt, sie hört nicht mal richtig zu. Ihr Name ist im übrigen Fen. Alles, was sie dazu sagt, ist, dass die Bürger Yan’ans sich glücklich schätzen können, hier zu leben. China pflege sein Andenken und so fließe viel Geld in die Stadt für den Erhalt und die Verwaltung der Sehenswürdigkeiten. Das führe dazu, dass die Bewohner wenig zu tun haben aber immer flüssig sind. Jeden Abend tanzen sie in den Straßen (die Alten) und gehen shoppen (die Jungen). Und tatsächlich: Es ist früher Abend und überall frohlockende Menschen.

Für einen ersten Eindruck klettern wir zum Sonnuntergang auf den Qianling-Shan, einem Berg mit taoistischen und buddhistischen Tempeln, von dem aus man die ganze Stadt überblicken kann. Ein herrlicher Ausblick. Dennoch fange ich wieder an zu nerven und frage Fen, ob die heiligen Stätten während Maos Aufenthalt in Yan’an Schaden genommen hätten. Schließlich hat der keine anderen Götter neben sich geduldet. Sie tut die Frage fröhlich ab und ich frage mich, ob ich diese ganze Maosache nicht ein wenig zu ernst nehme, als sie sagt, dass das eben die Vergangenheit sei. Und die ist ja nun vorbei. Ich beschließe, meinen Blick nur noch auf die Gegenwart zu richten. Zum Beispiel auf die wunderschöne Natur der Umgebung.

Yanan

Wir beginnen mit dem Abstieg. Auf dem Weg nach unten fragt Fen unentwegt, was für eine Spezialität ihrer Heimatstadt ich als erstes probieren möchte. Mir ist das egal, schließlich bin ich noch nie in den Genuss jedweder Köstlichkeit der Region gelangt. Fürs erste klingen Nudeln ganz gut. Wir betreten ein kleines Restaurant, meine Begleitung bestellt lautstark. Aber nur für mich, sie muss auf ihre Figur achten, sagt sie. Mampfend sitze ich vor ihr und fühle mich seltsam beobachtet – bei jedem Happen will sie wissen, wie es mir schmeckt. Wirklich gut. Gerade lege ich die Stäbchen weg, schon geht es weiter. Bezahlen? Ist schon erledigt.

Wir laufen durch die Stadt. Vorbei an tanzenden Alten und shoppenden Jungen. Gerne würde ich das alles etwas länger auf mich wirken lassen, doch Fen ist nur um mein leibliches Wohl besorgt und fragt, was ich denn als nächstes essen wolle. Ein bisschen hier stehen und gucken und später noch was essen vielleicht? ‚Gut’, sagt sie, ‚aber nur kurz.’ Als wir so dastehen, merke ich, dass sie etwas betimmtes vorhat. Und tatsächlich. Nach wenigen Minuten sagt sie, sie würde mich gerne in das Restaurant ihrer Mutter mitnehmen. Allerdings dürfe ich nicht lachen. Um Himmels Willen, warum sollte ich denn lachen? Sie sagt, ihre Familie habe nicht viel Geld und das würde man dem Restaurant auch ansehen. Ihre Mutter macht aber die leckersten Spieße der Welt. Ich liebe Essen auf Spießen, also nichts wie hin.

Durch schmale, unbeleuchtete und unbefestigte Gassen erreichen wir schließlich das Haus der Familie. Davor sitzen Dutzende Menschen, die mich allesamt verwundert anstarren. Wo kommt der denn her, was will der hier? Ich beantworte alle Fragen so gut ich kann und werde wohlwollend aufgenommen.

Essenszeit. Auf kleinen Holzkohleöfen stehen Bottiche mit scharfem, siedendem Sud, in denen dann die Spieße gegart werden. Wie um ein Lagerfeuer herum sitze ich mit Familie und Freunden und höre mir gestenreiche Erklärungen an, wie man die Delikatessen korrekt zubereitet. Die erste Lage, ungefähr 30 Spieße, ist bestückt mit Tofu, Kohl, Hammelfleisch und Paprikaschoten. Dazu jede Menge Bier. Lecker – nur bin ich der einzige, der isst. Alle anderen schauen mich interessiert an.

Mama Fen bringt mehr Spieße. Ich kann nicht mehr, bringe es aber nicht fertig abzulehnen. Die alte Dame steht erwartungsfroh lachend vor mir und überreicht mir die nächsten Spieße wie einen Strauß Blumen. Also rein damit. Alles andere wäre eine Respektlosigkeit der Köchin gegenüber, die, wie ich erfahre, fünf Kinder mit diesem Imbiss durchgebracht hat. Eines von ihnen, Fen, konnte sogar im fernen Qingdao studieren.

Als ich den letzten Bissen mit einem großen Schluck Bier runtergespült habe, erfahre ich, dass meine liebe Reiseleitung allen ernstes vorhat, die kulinarische Tour de Force noch weiter auszudehnen. Ich bin so gerührt von der Gastfreundschaft und zu satt, als dass ich Widerspruch einlegen könnte. Also verlassen wir die freundliche Runde zum Nachtmarkt der Stadt. Hier treffen wir Fens Freunde. Alle sehr nett, alle sehr trinkfreudig. Nach alter Väter Sitte, muss ich erstmal mit jedem der Anwesenden Jungs einen trinken. Sieben kleine Biere in wenigen Augenblicken. Ich fühle mich, als seien meine Eingeweide verstopft. Das Bier kann nicht abfließen und steht mir bis zum Hals.

Dennoch wird ohne Umschweife die letzte Köstlichkeit des Abend gereicht: Schweinefüße in einem Fond aus, man höre und staune, Ziegenkotze. Mehrfach habe ich nachgefragt, ob ich richtig gehört habe, mehrfach wurde bestätigt, dass es sich tatsächlich um Ziegenkotze handele. Wie die Rohmasse in großem Stil gewonnen wird, konnte mir keiner sagen. Feststeht nur eins: Das Zeug schmeckt grauenhaft. Zum Glück gibt’s Bier dazu. Ich schaffe nur ein paar Bissen, dann gebe ich auf. Kein Essen mehr heute Abend.

Dafür trinken. Der gemütliche Teil des Abends sieht ein beliebtes chinesisches Trinkspiel vor. Die abgespeckte Version, die auch ein Ausländer begreifen kann, ist wirklich sehr leicht: Zwei Würfelbecher, 6 Würfel. Die jeweils niedrigere Augenzahl muss einen Trinken. Zack, zack geht das. Mein Zustand verschlechtert sich, der meiner Mitspieler auch. Alle haben puterrote Gesichter und lallen wüst durcheinander. Das geht noch ein paar Stunden so, Fen ist offensichtlich zufrieden mit ihrer Arbeit als Reiseleiterin. Zu Recht.

da ging es noch ganz gut

Und doch bin ich am nächsten Tag krank. Derart fertig, dass ich mich kaum bewegen kann, geschweige denn, mein Hotelzimmer zu verlassen. Waren es die Spieße? Das Bier? Der Schnaps? Oder gar die Ziegenkotze? Wahrscheinlich von allem zuviel. Krank von überwältigender Gastfreundschaft.

Ob Mao seine Gäste auch derart üppig empfangen hat und sich dann so rührend kümmerte wie meine neuen Freunde um mich? Die kommen am Nachmittag im Hotel vorbei und bringen mir warme Milch und zwei hartgekochte Eier. Das sei gut in meinem Zustand. Dankend nehme ich an, lasse das Katerfrühstück dann aber dezent verschwinden.



Donnerstag, 12. Juli 2012
Chongqing - Punk as Fuck
Die Stadt ist unmöglich. Das Klima heiß und schwül im Sommer, im Winter kühl und feucht. Die Landschaft hügelig zerklüftet, zerschnitten von zwei großen Strömen, dem Yangtze und dem Jialing-Fluss. Und trotzdem ist hier eines der größten urbanen Siedlungsgebiete der Welt entstanden. Als Besucher mit Blick auf das endlose Häusermeer, den Lärm der Stadt in den Ohren und die Nase voller Smog und Staub, fühle ich mich klein und unbedeutend.

Ich frage mich, wie das alles geht? Woher kommt das Baumaterial, woher die Arbeiter, die auf den unzähligen Baustellen Tag und Nacht schuften? Wie versorgt sich die Stadt und woher kommen all die Menschen, die in den gesichtslosen Silos wohnen und wohnen werden? Alles muss mit unfassbaren Anstrengungen verbunden sein, abzulesen in den Gesichtern der Elenden, die tagein, tagaus schwerste Lasten die steilen Straßen der Stadt hinaufschleppen.

Haeusermeer Chongqing

Und doch herrscht in Chongqing ein besonderer Geist, irgendwie trotzig. Als wollte es sagen, ist mir egal, wie schwierig alles ist, ich mach’ es trotzdem.

Ein Erklärungsversuch: Zwischen 1939 und 1942 wurden während der japanischen Besatzung mehr Bomben über Chongqing abgeworfen als über Dresden während des zweiten Weltkriegs. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Auch während der großen Kampagnen Mao Zedongs, dem Großen Sprung nach vorn und der Kulturrevolution, hatte die Stadt nichts zu lachen. Nichts wurde restauriert oder instand gesetzt. Heute ist alles neu, alles größer, höher, besser. Und genau das ist der Unterschied zwischen Europa und China. Auf jeden Fall einem freundlichen Iren zufolge, den ich in einem runtergerockten Punkschuppen treffe. Die Radikalität, mit der China sich neu erfindet, ist in der Weltgeschichte einmalig – und besonders radikal ist im Moment die unmögliche Stadt Chongqing.

Dillan, der freundliche Ire, Chinaveteran und Desperadeo schwärmt vom Leben hier und seinen Möglichkeiten. Verschiedenes hat er schon ausprobiert, jetzt macht er in Whiskey. Er meint, Chinesen entwickeln einen immer ausgeprägteren Geschmack für die guten Dinge im Leben – und Spirituosen aus Irland sollten definitiv dazugehören. Wirklich konkret sind seine Pläne noch nicht, aber er wirkt hoffnungsfroh. Leute wie ihn trifft man in allen chinesischen Großstädten, in Chongqing liegt noch mal eine Extraportion Goldgräberstimmung in der Luft.

schoene Aussichten aus einem gesichtslosen Wohnsilo

Das Publikum im Punkschuppen wird unruhig, auf der Bühne passiert etwas. Der DJ räumt das Feld, die Lokalhelden, übersetzt Die durchgeknallten Seeleute, betreten das Scheinwerferlicht. Jubel brandet auf. Der Sänger ist eine Art chinesischer Pete Doherty. Er ist sternhagelvoll und taumelt schon vor den ersten Akkorden Halt suchend über die Bühne. Trotzdem trifft er jeden Ton. Die Musik ist gut, erinnert irgendwie an Joy Division, die Menge kaum zu halten. Eigentlich könnte die Stimmung besser nicht sein – nur ist der Sänger ziemlich pöbelig drauf. Nach dem ersten Song reißt er sein Hemd auf und beleidigt die Barleute. Das gleiche nach dem nächsten Song. Jetzt reicht es dem Personal: Einer springt über die Bar, stürmt in Richtung Bühne. Der Sänger reagiert sofort. Er lässt sein Mikro fallen und stürzt dem Barmann entgegen. Auf der Tanzfläche treffen beide aufeinander und verknoten sich zu einem Knäuel, treten und schlagen auf sich ein. Eine wüste Schlägerei entbrennt, bis es dem Publikum gelingt, die Rasenden auseinanderzubringen. Für einen Moment stehen beide blutend da. Schweigend. Dann geht der Sänger wieder auf die Bühne, nimmt sein Mikro und macht weiter, als sei nichts gewesen. Seine Band gibt sich unbeeindruckt.

Unglaublich. Nur eine kleine Anekdote, passt als Gleichnis aber zur Stadt: Wenn Du vermöbelt wirst – scheißegal. Mach weiter, solange Du Dich noch auf den Beinen halten kannst. Wird schon werden. irgendwie.



Sonntag, 8. Juli 2012
Sozialismus 2.0
‚Der Kampf um die Festigung des sozialistisches Systems, der Kampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus um die Entscheidung, wer wen endgültig besiegt, wird sich bei uns noch über eine sehr lange Geschichtsperiode erstrecken.’ (Mao Zedong, 1957)

‚Hunan ist eine schöne Provinz mit viel Wald und Bergen’, sagt Chen. Er hat Recht. Die Landschaft, die vor dem Zugfenster an uns vorüberzieht ist wirklich schön und unberührt. Das sei allerdings auch ein schlechtes Zeichen, meint er. Schließlich weise es auch auf eine schwache Wirtschaft in der Region hin.

Aha. Ich frage mich, was für einen Preis er bereit wäre zu zahlen für mehr Wirtschaftswachstum. Flächendeckend rauchende Schlote, Bergwerke und verdreckte Flüsse? Wir kommen gerade aus Changsha, der Hauptstadt der Provinz, die Chens Angaben zufolge letztes Jahr um sage und schreibe 17% gewachsen ist. Wirklich lebenswert ist es dort allerdings nicht. Der Verkehr ist mörderisch, die Luft unerträglich stickig, unzählige Kräne ragen in die Luft und von überall her dröhnt schweres Baugerät. Davon muss auch Chen sich mal erholen. Der Zug, in dem wir gezwungenermaßen stehen, bringt uns in 10 unfassbar langen Stunden nach Guilin, also in die Nähe Yangshuos, den ultimativen Ferienort Chinas.

Karsthuegel in Yangshuo

Die Antwort nach dem Preis für das Wirtschaftswachstum bleibt Chen während unserer Zugfahrt schuldig. Vielleicht kann Xiaokang sie mir geben. Xiaokang wurde erfunden von Konfuzius und wieder aufgegriffen von Staatspräsident Hu Jintao. Es ist eine Idee, derzufolge das ganze Land langfristig vom Wirtschaftswachstum profitieren und so eine harmonische Gesellschaft entstehen soll. Die breite chinesische Masse vereint in friedlicher Eintracht und Gleichheit.

Die bereits existierende Mittelschicht lebt in den Städten des Mittelreichs – und die Städte wachsen. Als wir uns Guilin nähern fallen sofort die vielstöckigen Rohbauten auf, die nahezu alle chinesischen Städte in gleicher Form umgeben. Künftige Wohnquartiere für Millionen. Xiaokang wird Realität, wenn es sich in diesen Bauten harmonisch leben lässt.

Yangshuo ist anders. Ein wahrhaftiges Urlaubsparadies am wunderhübschen Li-Fluss inmitten fantastischer Karstkegel. Alles ist idyllisch und aufgeräumt, wie China aus dem Bilderbuch. Fast ein bisschen kitschig. Bis früh morgens die Touristenströme einsetzen. Zu Land und zu Wasser – von überallher kommen Massen von konsumwütigen Menschen in die Stadt. Dabei scheint die Anziehung, die der schöne Schein ausübt, mindestens genauso groß, wie die der einzigartigen Landschaft. Die Hauptstraße des Ortes ist eine endlose Aneinanderreihung von Geschäften, Kneipen und Bars. Mit Smartphones und Tablets strömen die Touristen die Straße auf und ab, machen Fotos und freuen sich des Lebens.

Yangshuo Hauptstraße

Beim Anblick seiner kauflustigen Landsleute, würde der allmächtige Mao sich in seinem gläsernen Grabe umdrehen. Oder doch nicht? Heißt Sozialismus vielleicht, alle Menschen in den gleichen Stand versetzen, egal ob sie nun kollektiv auf dem Land schuften oder gemeinsam shoppen und feiern, wie der kleine Teil der Mittelschicht, die in Yangshuo dem guten Leben frönen? Wenn man Xiaokang zu Ende denkt, könnte man meinen, dass genau das damit gemeint ist. Den Großen Vorsitzenden würden am Ende wahrscheinlich nur die imperialistischen Markennamen stören. Und natürlich, dass noch lange nicht alle seiner Landsleute in der Lage sind, hemmungslos ihr Geld zu verprassen. Er würde bemängeln, dass noch immer Menschen in Armut darben, während eine Minderzahl sich schon jetzt, lange vor Erreichen des großen Ziels, der Dekadenz hingibt.

Der Kragen seiner grauen Uniformjacke würde ihm aber dann wohl aber endgültig platzen, wenn er mit ansehen müsste, wie seine Parolen von der Jugend, auf die er so große Stücke setzte, auf Plakaten verunglimpft werden. Sie rufen dazu auf, dem Geld zu dienen, als vielmehr, wie von ihm verlangt, den Menschen. Woanders sind entschlossene Arbeiter zu sehen, die höhere Löhne für einen Audi fordern, anstatt einer höheren Stahlproduktion entgegenzueilen. Oder Bäuerinnen, die glücklich in die Zukunft blicken, weil sie wissen, sie tun es für ihre Dior-Tasche. Der auch post-mortem allgegenwärtige Mao mit seinen wahnwitzigen Slogans nur noch eine Zielscheibe des Spotts? Zu allem Überfluss hat er auch noch großväterliche Konkurrenz bekommen: Colonel Sanders, der nette Hähnchen-Opa aus den USA, ist angetreten, die chinesische Jugend mit einer Kulturrevolution der anderen Art glücklich zu machen. In jeden Kaff eines seiner Restaurants, immer gut besucht. In Yangshuo natürlich in bevorzugter Lage.

harte Arbeit muss sich lohnen

Für Xiaokang bedeutet dies, es müssen noch viel mehr Yangshuos entstehen. Und noch viel mehr Menschen in die Lage versetzt werden, diese auch zu besuchen. Wie ich von Chen erfahren habe, steht der gute Zustand der Wirtschaft in umgekehrtem Verhältnis zum guten Zustand der Natur. Tatsächlich ist also konsequent auch die armen Provinzen, um auch die Menschen dort am Wohlstand teilhaben zu lassen, mit massiven Wirtschaftsprogrammen zu überziehen. Nur steht der Verlust der schönen Natur dann irgendwie auch der Harmonie im Wege. Verdammtes Xiaokang. Gar nicht so einfach.

Und Mao? Wird nun ein System gewinnen wie von ihm vorhergesagt? Der Kapitalismus oder der Sozialismus? Oder muss er sich damit abfinden, dass seine modernen Landsleute einen anderen, weniger absoluten Weg gefunden haben? Sieht fast danach aus.



Sonntag, 1. Juli 2012
Im Osten geht die Sonne auf
Mao Zedong ist in China nach wie vor allgegenwärtig: Jeder Geldschein wird von seinem Antlitz geziert, in vielen Städten blickt er, in Stein gehauen, streng auf seine Untertanen hinab und in jeder Schule wird allwöchentlich zum Fahnenappell seine revolutionäre Hymne geschmettert. Auch die Rhetorik aus tiefroten Zeiten ist fest im Alltag der Menschen verankert. Befreiungsstraße, Rote-Fahne-Straße, Ostwind-Straße und Großer Volksplatz finden sich in jeder Stadt.

Nun scheint Maos strenger Kommunismus mit seinen Zwangskollektivierungen aber lange vorbei, spätestens seit sein ehemaliger Mitstreiter und Nachfolger Deng Xiaoping seine Volksgenossen dazu aufrief, auch ein kleines bisschen reich zu werden und den Kommunismus mit chinesischer Ausprägung zum Erfolg zu verhelfen. Oder doch nicht? Um dies herauszufinden fahre ich nach Changsha, einem gesichtslosen Millionenprovinzmoloch, in dessen Nähe sich Shaoshan, das Geburtsdorf des Großen Steuermanns, befindet.

Um der chinesischen Volksseele auf die Pelle zu rücken, schließe ich mich hier einer Reisegruppe an. Bereits am Busbahnhof werde ich skeptisch beäugt. Was will der Fremde hier und wieso interessiert er sich für chinesische Geschichte? Die Skepsis hält aber nur kurz an, schon bald werde ich als komisches, aber vollwertiges Gruppenmitglied akzeptiert

Souvenirs gegen Hitze

Meine Reisegruppe ist bunt gemischt. Leute aus allen Landesteilen und Altersstufen. Neben mir sitzt Mu, ein Student aus der Provinz Zhejiang. Als erstes frage ich ihn, weshalb sich Mao noch immer solcher Beliebtheit erfreut. Er zieht verblüfft die Augenbrauen hoch - so als würde ich ihn fragen, weshalb Christen Weihnachten feiern oder Moslems in Richtung Mekka beten. ‚Er ist unser Führer und er hat uns von der japanischen Besatzung befreit’, lautet seine knappe Antwort. Mu spricht ehrfürchtig von Mao und befürchtet offensichtlich moralinsaure Nachfragen seines westlichen Begleiters. Nichts liegt mir ferner. Nie würde ich es wagen, seine Weltanschauung zu bewerten – dennoch muss ich vorsichtig sein, nicht aus bloßer Neugier in den Verdacht zu geraten. Er hat schon gehört von der westlichen Geringschätzung des politischen Systems in seinem Land.

Chinesen lieben es, in großen Gruppen zu reisen. Im Bus machen Süßkram, eingelegtes Tofu (mit Maos Lieblingswürzmischung) und Nüsse die Runde. Jedes Ereignis am Straßenrand wird lautstark kommentiert. Ab und an werden Witze gerissen und lauthals gelacht.

Wir kommen in Shaoshan an, zunächst an einem Mao-Museum. Die einzigen sind wir allerdings nicht. Vor dem kleinen Gebäude stehen Dutzende Busse, beladen mit weiteren Reisegruppen. Es ist heiß und ich beginne, mich schon jetzt innerlich gegen diese Massenabfertigung zu sträuben. Nicht so der Rest meiner Gruppe – frohen Mutes und gut gelaunt strömen sie ins Museum, das sich als kapitalistisches Lehrstück entpuppt: In einem Wahnsinnstempo werden die Besucher durch einige kleine Räume geschleust, in denen Stationen im Leben Maos fahrig klärt werden. Nach kurzer Zeit landen alle in einem großen Verkaufsraum. Billige Miniaturen Maos, Medaillen und sonstiger Schnickschnack kommen daher, als seien sie Exponate des Museums – nur eben versehen mit kleinen Preisschildern an der Unterseite. Meine Gruppe ist begeistert und kauft ohne Ende roten Kitsch. Es geht weiter. Im nächsten Raum grüßt ein riesiger Mao. Er ist vergoldet. Wir alle bekommen kleine, ebenfalls vergoldete Karten in die Hand gedrückt. Auf der einen Seite mit dem chinesischen Zeichen für Glück, auf der anderen der bestimmt dreinschauende Mao. Mit der Karte in der Hand verbeugt man sich vor dem großen Steuermann, um diese dann im nächsten Raum für teuer Geld mit seinem Namen gravieren zu lassen. Alles Glück hat seinen Preis. Ich bin fassungslos und einer der wenigen, die sich um dieses Spektakel druecken. Im nächsten Raum wartet eine riesige Fotowand, diesmal mit einem gütig ausschauenden Mao, vor dem sich die Besucher ablichten lassen können. Natürlich nicht ohne einen kleinen finanziellen Obolus zu entrichten. Kurz vor Schluss noch einmal ein Verkaufsraum für alle, die bisher leer ausgegangen waren. Ich kaufe ein Mao-Zigarettenetui aus Blech. Schließlich war der gute Mann starker Raucher.

Mao Merchandise

Gemeinsam verlassen wir das Museum und werden von der Reiseleiterin empfangen, die uns, selbstverständlich ausgestattet mit einem Megaphon, in das Restaurant gegenüber geleitet. Hier geht alles sehr schnell: Ran an den Tisch, her mit den Stäbchen und rein mit dem Essen. Nur wundere ich mich, dass ständig scharfe Sauce nachgereicht wird. Beim rausgehen wird klar warum: An einem Verkaufsstand wird das zugegebenermaßen sehr leckere Produkt aggressiv feilgeboten. Ich widerstehe.

Das war der Auftakt im Museumsdorf Shaoshan. Der nächste Halt wird die Hauptattraktion, das Geburtshaus Maos, sein. Auf dem Weg dorthin frage ich Ma, wie er das alles zusammenbringt mit dem Kommunismus und dessen offensichtlicher Verunstaltung. Er weiß nicht, was ich meine. Mir kommt das bisher so vor wie eine Butterfahrt mit Elementen einer Pilgerreise. Vielleicht fehlt es mir aber auch schlicht an Hingabe.

Der Besuch der Geburtsstätte Maos, ein keines Bauernhaus, ist schell erzählt. Eine endlose Schlange aus schwitzenden Leibern ergießt sich bei 36° sehr diszipliniert trotz langer Wartezeit in den Eingang, bestaunt Ess- und Schlafzimmer Maos und findet sich nach wenigen Minuten schon am Ausgang wieder. Weiter geht es in einen Park, der zu Ehren der Familie Mao inklusive einer riesigen Statue und vielen Souvenirgeschäften angelegt wurde. Die Stimmung hier ist fröhlich und ausgelassen – einige Besucher verbeugen sich vor ihrem Staatsgründer, um sich dann aber wieder ihrem Ausflug, den Snacks und dem Spaß mit ihren Gruppen hinzugeben. Es scheint, als eine der Kollektivismus die Menschen in China noch immer. Der einzige, der verloren und alleine über das Gelände irrt, bin ich.

versteht sich von selbst

Nur einige Minuten zu spät treffe ich am Bus ein. Prolog und Hauptteil der Tour haben wir gesehen – nun folgt der Ausklang. Und dieser schießt mit seiner Mischung aus Pathos und Kommerz wirklich den Vogel ab: Zusammen mit vielen anderen Reisegruppen erreichen wir einen prächtigen Neubau am Ortsausgang. Im Innern erwartet uns, man höre und staune, eine Verkaufsveranstaltung eines Herstellers von Produkten aus Bambus. Wir werden in einen Verkaufsraum gesetzt, als ein Moderator eine kleine Bühne betritt, um Handtücher, Zahnbürsten und Waschlappen aber auch Bett- und Unterwäsche zu preisen. Offensichtlich sponsert die Bambusfirma den Erhalt der Maoreliquien und kann sich im Gegenzug an den patriotisch aufgeladenen Besuchern eine goldene Nase verdienen.

Auch den Planern dieser Touren ist wohl klar, dass dies so nicht stehen bleiben darf. Also folgt das Finale im riesigen Theatersaal gegenüber: ‚Sonnenaufgang über Shaoshan’, ein chinesisches Theaterstück, wird aufgeführt. Darin: Ein kurzer, pompöser Abriss über die jüngere chinesische Geschichte. Chiang Kai Shek und seine Nationalisten, japanische Besatzer – seitdem sich Mao Zedong sonnengleich im Osten erhoben hat, braucht China nichts und niemand mehr zu fürchten. Die Inszenierung ist gigantisch und lässt keine Fragen offen.

Auf der Rückfahrt bin ich verwirrt ob dieser bizarren Mischung aus kommunistischem Personenkult und hemmungslosem Ausverkauf. Andererseits: Vielleicht ist genau dies der Kommunismus chinesischer Ausprägung, den Deng hinauf beschwor: Kapitalismus kollektiv erleben. Warum auch nicht – meine Mitreisenden machen alle einen sehr zufriedenen Eindruck.

das grosse Finale



Dienstag, 4. Oktober 2011
Hippies im Bleimantel
McLeod Ganj war einmal ein Fluchtort für hitzgepeinigte Engländer, die Delhis Gluthölle im Sommer zu entgehen suchten. Bei 40 Grad im Schatten regiert es sich schließlich nicht gut, also richteten sie am Fuße des Himalaya lauter kleine Hillstations ein, von wo aus sie die Geschicke Britisch-Indiens mit kühlem Kopf lenkten. Darunter McLeod Ganj. Dann bebte die Erde – übrig blieben nur Trümmer.

Lange blieb es nun ruhig in McLeod. Die übrig gebliebenen Bewohner konnten von hier oben zuschauen, wie Gandhi zum Salzmarsch ansetzte, an dessen Ende die Briten ihre Kolonie verlassen mussten. Herauskamen die Staaten Indien und Pakistan. Auf der anderen Seite des Hochplateaus rief in etwa zeitgleich Mao Zedong die Volksrepublik China aus. Zügig begann er im Anschluss mit seiner Roten Armee schwer bewaffnet ins Gebirge vorzurücken und den Tibetern auf die Pelle. Diese fühlten sich natürlich bedrängt, konnten der Kriegsmaschine aber nur schwerlich etwas entgegensetzen. Schließlich sind sie durch ihren Glauben zum Pazifismus verdammt. Ein nicht zu lösendes Dilemma. Indien sprang ihnen bei und bot McLeod als Exil für seine Heiligkeit, den Dalai Lama, und sein Gefolge an. Traurig, aber wahr – seitdem trudeln jedes Jahr Hunderte, wenn nicht gar Tausende Flüchtlinge aus Tibet in der Gegend um McLeod ein.

McLeod - wunderschoen hier

Nicht zuletzt durch diesen Umstand strahlt der Ort für viele Menschen aus dem Westen eine gewisse Romantik aus. Mit einem Besuch hier ist vieles gesagt: Solidarität mit einer unterdrückten Minderheit, Opposition gegen den Unrechtstaat. Und so strömen auch sie zu Tausenden in die Gegend. Sogar Berühmtheiten der großen Leinwand nutzten den Ort in der Vergangenheit für ihre ganz eigene Propaganda. Richard Gere zum Beispiel ist ein immer wieder gern gesehener Gast. Außerdem finden sich viele Freiwilligendienste, die die Tibeter und ihre Sache unterstützen, einheimische Nichttibeter, die sich benachteiligt fühlen und ein ganzes Herr touristischer Dienstleister aus ganz Indien, die mit dem niemals endenden Strom ausländischer Sinnsucher ihr Geld verdienen. Sie verkaufen T-Shirts, Decken, Taschen (natürlich handbestickt) und sonstigen Nippes.

Die Sinnsucher kommen mit Rucksäcken, Gitarren und Bongos. Der Ort ist tapeziert mit Angeboten für die unterschiedlichsten Yogaspielarten. Massagekurse, tibetische Sprachstunden und Hypnoseseminare. In den Cafés überbieten sich Meditationsjünger mit Geschichten aus Indien, Thailand oder auch Laos. Verschiedene Meister und Yogis werden in den Himmel gelobt, über andere werden vernichtende Urteile gesprochen. Von Scharlatanerie und Stümperei ist die Rede. Normal, würde ich denken, schließlich verheißen die Touristen das große Geld. Man muss nur den Schein von Authentizität wahren. Raj, ein Besucher aus Delhi, kann den ganzen Trubel auch nicht so recht nachvollziehen. Die meisten Inder, sagt er, interessieren sich gar nicht für Meditation und dergleichen. Wir sind zwar ein Volk mit vielen Göttern und auch spirituell aber, er macht eine Pause, irgendwie anders.

Ich will nicht zynisch klingen oder böse, geschweige denn mich zum Nestbeschmutzer machen, aber auf mich wirkt das meiste hier wie reiner Ethnothrash, den viele hier viel zu wichtig nehmen. Über allem hängt tonnenschwer das Bedürfnis, sich selbst zu finden. Als hätte ihnen jemand einen Mantel aus Blei angelegt, hocken die spirituellen Sinnsucher herum, trommeln träge auf ihren Bongos und tun so, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Bewegungen auf ein absolutes Minimum reduziert, nur dann und wann einen skeptischen Blick im Gesicht. Besonders, wenn ein neues Gesicht zur Tür hereinschaut oder sich gar jemand erdreistet, einen schlechten Witz zu machen. Diejenigen werden durch Nichtbeachtung (ja, auch ich) abgestraft und gedemütigt.

Moench beobachtet skeptisch das Treiben in McLeod

Mag sein, dass ich nicht verstanden habe, worum es hier eigentlich geht, oder ein paar Tage nicht ausreichen, um sich vollständig indoktrinieren zu lassen, aber je länger ich hier bin, desto mehr scheint mir der Ort wie eine surreale Scheinwelt, maßgeschneidert für ausgebrannte Menschen auf der Suche nach sich selbst, einem höherem Sinn oder was auch immer sich zu suchen lohnt. Viele beziehen hier Quartier über Monate und benehmen sich, als hätte Buddha selbst sie erleuchtet. Ich fühle mich nach kurzer Zeit nicht erleuchtet, sondern ermattet von der Schwere des Ortes.

Es geht aber auch anders: An meinem letzten Tag in McLeod treffe ich eine junge Frau in einer roten Mönchsrobe, die ganz offensichtlich nicht aus Tibet stammt. Sie kommt aus der Schweiz. Sie erklärt mir, dass sie seit nunmehr 8 Jahren in einem Kloster lebt. Und in Vorleistung gehen musste sie auch – nur Ausländer, die die tibetische Sprache in Wort und Schrift beherrschen, werden zum langwierigen Studium im Kloster zugelassen. Bis zum Abschluss hat sie noch weitere 8 Jahre vor sich – sage und schreibe 16 Jahre dauert es, bis sie sich offiziell und mit dem Segen des Dalai Lamas eine Nonne nennen darf. Ob sie das durchhält, wisse sie noch nicht so genau, fürs erste sei sie aber rundum zufrieden mit ihrem asketischen Leben voller Meditationen und dem aufwändigen Studium heiliger Schriften. Ich glaube ihr jedes Wort, so zufrieden wirkt sie. Dann kommen einige tibetische Kollegen in roten Roben vorbei, begrüßen sie herzlich und nehmen sie mit ins Kloster. Sie will nicht zu spät kommen, erklärt sie.

Das nenne ich konsequent. 8 Jahre und noch weitere 8 in devoter Zurückhaltung. Und das mit gerade mal Anfang 30 und einer erstaunlichen Leichtigkeit. Scheint, als wären die heiligen Kutten nicht aus Blei, sondern aus einem Material, dass ihren Trägern Zuversicht, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und gute Laune verleiht. So eine will ich auch – allerdings scheint mir der Aufwand dann doch zu groß. Den Hippies aber wünsche ich, sie könnten ihre bleischweren, pseudotibetischen Ethnogewänder eintauschen gegen die Luftigkeit einer heiligen Robe. Vielleicht zaubert das mal wieder ein Lächeln in ihr Gesicht.

Thank you India



Donnerstag, 22. September 2011
Ratten
Es wimmelt vor Ratten. Auf dem Boden, in den Fenstern, auf den Geländern, den Stufen und in den Ecken sowieso. Kleine, große, junge, alte, dünne und fette. Auch tote sind dabei. Es stinkt, überall liegen Futterreste und das, was daraus wird. In der Hitze Westrajasthans herrscht geradezu beißender Gestank im Tempel der Karni Mata, der Herrin der Ratten. Den Besuchern ist das egal – sie wollen den heiligen Nagern die Ehre erweisen, sie knien nieder vor den Altären und verwöhnen die Tiere mit mitgebrachten Leckereien. Selig sind jene, die unter den Tausenden Ratten, die eine besondere entdecken. Sie ist weiß und fett und sie verheißt mehr Glück als alle ihre grauen Artgenossen zusammen.

rundum sorglos - Ratten in Deshnok

Nicht weit entfernt der Stadt Bikaner am Rande der Thar-Wüste liegt dieser bizarre Ort im Dorf Deshnok. Pilger kommen, um die Göttin Karna Mata um große oder kleine Gefallen zu bitten. Diese hat sich in ihrer Zeit auf Erden durch allerlei Wunder hervorgetan – sie brachte Amputierte zum Laufen und unterstützte die Kriegsherren Rajasthans in aussichtlosen Kämpfen gegen verschiedene Feinde. Kobrabisse müssen mit ihrer Hilfe nicht mehr tödlich sein und auch in Seenot zu geraten ist kein Problem. Der direkte Draht zu ihr befreit die Gläubigen aus jeder noch so brenzligen Situation. Sogar den Wassermangel in der Wüste überwanden die Menschen der staubtrockenen Region mit ihrer Hilfe. Soweit, so schön. Das können andere Götter auch. Was aber hat es mit Ratten auf sich?

Ich frage Karni Matas Stellvertreter auf Erden. Radhabai, ein schmaler, freundlicher Mann mit wachen Augen, weist Interessierten den Weg zu den Ratten. Er sagt, alle Einwohner Deshnoks seien Familienmitglieder der Göttin, betraut damit, ihr Andenken zu pflegen und sich um das Wohlergehen der Tiere zu kümmern. Das hat neben der Frömmigkeit auch ganz egoistische Gründe: Als Verwandte Karni Matas befinden sie sich in einem ewigen Kreislauf zwischen Mensch und Ratte – die Nager, die den Tempel bevölkern, waren einst Dorfbewohner, deren Seelen nach ihrem Tod in den Körpern der Ratten fortleben. Und denen soll es natürlich gut gehen. Sie bekommen Futter, Milch, sogar ein kleines Fässchen Whiskey steht für sie bereit.

Familienmitglied Karni Matas

Das Privileg der Ratteninkarnation ist nur und ausschließlich den Deshnokis vorbehalten. Sie boten der Göttin in grauer Vorzeit nach einer langen Odyssee und Verfolgung durch hinterlistige Widersacher einen sicheren Hafen. Stolz auf sein Erbe blickt Radhabai verantwortungsbewusst in den Tempel, dessen Eingangstor mit prachtvollen Rattenreliefs verziert ist.

Aber warum Ratten? Hätten es nicht auch Tiger, Elefanten, Adler oder meinetwegen auch Affen sein können? Das erklärt Radhabai damit, dass Karni Mata einst einen Gestorbenen von den Toten erwecken wollte. Dazu musste sie den Totengott Yamu anhauen. Dieser sagte, dass er die Seele des Betreffenden schon anderweitig verwertet habe. Auferstehung unmöglich. Daraufhin erklärte Karni Mata wutentbrannt, alle ihre Angehörigen würden von nun an in Ratten fortleben. Durch diesen Kniff startete sie ihren eigenen kleinen Inkarnationszyklus, denn auf Ratten hat Yamu keinen Zugriff.

AUfpassen, wo man hintritt. Auf keinen Fall eine Ratte verletzen - sonst wird es teuer.

Tempel von aussen

Ich verlasse den Tempel und frage mich, wie es sich wohl als Verwandter Karni Matas so lebt. Folgt aus der Familienbande ein fatalistischer Gleichmut, mit dem sich der Alltag in der Wüste leichter ertragen lässt? Freuen sich die Menschen darauf, nach ihrem Tod ein sorgloses Leben als Nagetier zu führen? Oder würden sie den Kreis gerne durchbrechen und zur Abwechslung mal in anderer Form weiterexistieren?

Im guten Gefühl nicht zu wissen, was das nächste Leben so bringen wird, fahre ich zurück nach Bikaner und bin froh, nicht versehentlich eine Ratte totgetreten zu haben – diese wäre dann zu meinem Lasten mit Gold aufgewogen worden.

gluecklicher Nager



Samstag, 17. September 2011
Abu Abfall
Mt Abu ist ein Berg und ein Ort gleichermaßen. Er liegt in wunderschöner, natürlicher Umgebung. In seinem Zentrum befindet sich der bezaubernde Nakki-See, umgeben von Hügel mit ursprünglicher Vegetation. Sogar Leoparden und Bären leben hier. An seinem Ufer liegt der so genannte Honeymoon-Point, ein Ort, an dem Paare in ihren Flitterwochen die einzigartige Natur genießen. Vom Toadrock, einem krötenförmigen Felsen, der hoch über See und Städtchen thront, genießen Besucher das beeindruckende Panorama über die Umgebung. Ein märchenhafter Ort.

Zu schade, um vollgemuellt zu werden. Natur in und um Mount Abu

Eine weniger märchenhafte Seite hat der Berg aber auch. Bei genauer Betrachtung sind all diese romantischen Orte total zugemüllt. Wenn es sich ausgeflittert hat am Honeymoon-Point, hinterlassen sogar die verliebten Paare Unmengen an leeren Plastikflaschen- und Tüten. Der Weg hinauf zum Toadrock ist gesäumt von allerlei Unrat und im See selbst treiben neben halb abgesoffenen Tretbooten die Hinterlassenschaften vieler Besucher. Der ganze Müll hat seinen Ursprung in der Hauptstraße Mt Abus. Hier reiht sich Fastfoodbude an Nippesgeschäft an Massagesalon.

Der Ort erfreut sich größter Beliebtheit bei Touristen aus dem benachbarten Bundesstaat Gujerat. Dort ist Alkoholausschank verboten, hier, in Rajasthan, nicht. Die gut betuchten und feierlustigen Ausflügler kommen also, um für ein paar Tage der Prohibition zu entgehen und mal kräftig die Sau rauszulassen. Zu erkennen sind sie an ihren Geländewagen und insgesamt lautstarkem Auftreten – in Gruppen mäandern sie um den See. Ich werde ständig aufgefordert auf Gruppenfotos zu posieren und vom Whiskey zu naschen.

Trotz mangelhaften Umweltbewusstseins, lustige Voegel. Ausfluegler aus Gujerat.

All dies geht Ashok gewaltig gegen den Strich geht. Er ist hier aufgewachsen und sieht seine Heimat seit einigen Jahren durch den Feiertourismus bedroht. ‚Höchstens 20 Jahre’, sagt er, ‚solange wird es noch dauern, bis der heilige Mt Abu verkommen ist zu einem stinkenden Müllhaufen.

Abu Abfall - Unrat im Nakki-See

Ashok organisiert Treks in die Wälder der Umgebung. ‚Sustainable’, nachhaltig, wie er sagt und man glaubt ihm aufs Wort. Auf einer Wanderung erzählt er von Leoparden und Bären, die man hier immer seltener zu Gesicht bekommt und vom Urwald, der immer schneller neuem Bauland für Hotels zum Opfer fällt. Einige reiche Touristen, erzählt er, machen sich einen Spaß daraus, in der Umgebung zu jagen. Beliebtester Abschuss sind natürlich Leoparden. Das ist natürlich illegal, bei entsprechender Bezahlung interessiere das hier aber niemanden. In der Hauptstraße des Ortes befindet sich sogar ein Waffengeschäft – hier findet der geneigte Tierliebhaber alles für seinen Freizeitspaß. Ein schlagendes Argument des Verkäufers: ‚Schon die alten die Maharadschas liebten es zu jagen.’

Ein wenig erinnert Naturliebhaber Ashok an Don Quichotte. Nur kämpft er nicht gegen Windmühlen, sondern gegen behördliche Willkür. Seine Vorschläge wenigstens die Natur sauber zu halten, prallen an den Mächtigen ab. Seine jüngste Idee, die er durchzusetzen versucht, ist ein Pfandsystem für Plastikverpackungen. Jeder, der die Hauptstraße mit seinen Geschäften verlässt, beispielsweise zum Honeymoon-Point, wird angehalten den Müll in spe an einem Check-Point gegen eine Wertmarke einzutauschen. Nach dem Auflug werden die Einwegbehälter dann wieder zurückgegeben. So bleibt der Abfall zumindest erst einmal an einem zentralen Ort. Was dann damit passiert, müsse man sehen – schließlich gibt es keine Müllabfuhr. Ashok ahnt allerdings, dass seine Idee sich in der geldgeilen Umgebung Mt Abus nicht umsetzen lassen wird. Bei den örtlichen Hoteliers und Gaststättenbetreibern herrscht Goldgräberstimmung dank des Alkoholverbots in Gujerat. Die Angst, die Touristen mit unangenehmen Auflagen zu vergrätzen ist groß.

nachdenklicher Umweltschuetzer Ashok lauscht den whiskeyseligen Gesaengen, die vom Sunset-Point herueber wehen

Zusammen mit einer kleinen Gruppe erklimmen wir einen Felsen hoch über der Stadt, von wo man bei klarem Wetter einen herrlichen Sonnenuntergang genießen kann. Auch bei Wolken vergangenem Himmel ist es schön. Für seine Touren musste er den Standort wechseln, erklärt Ashok – vom gegenüberliegenden Sunset-Point hierher. Den haben seit kurzem die Reisehooligans für sich eingenommen. Ashok sagt, die Natur ist göttlich. Sie ernährt uns und muss daher immer und überall mit Respekt behandelt werden. Wer das nicht verstanden hat, begreift gar nichts. Zum Abschluss der Tour, werden wir aufgefordert, die Hände zu falten, die Augen zu schließen und uns für die Einzigartigkeit der Natur zu bedanken. Während wir das tun, weht aufgeregtes Gejohle und Gegröle durch den Nebel vom Sunset-Point herüber und es wird klar, dass Ashok noch viel Missionarsarbeit vor sich hat. j

Bergschule - hier will Ashok in Zukunft ansetzen