Hippies im Bleimantel
McLeod Ganj war einmal ein Fluchtort für hitzgepeinigte Engländer, die Delhis Gluthölle im Sommer zu entgehen suchten. Bei 40 Grad im Schatten regiert es sich schließlich nicht gut, also richteten sie am Fuße des Himalaya lauter kleine Hillstations ein, von wo aus sie die Geschicke Britisch-Indiens mit kühlem Kopf lenkten. Darunter McLeod Ganj. Dann bebte die Erde – übrig blieben nur Trümmer.
Lange blieb es nun ruhig in McLeod. Die übrig gebliebenen Bewohner konnten von hier oben zuschauen, wie Gandhi zum Salzmarsch ansetzte, an dessen Ende die Briten ihre Kolonie verlassen mussten. Herauskamen die Staaten Indien und Pakistan. Auf der anderen Seite des Hochplateaus rief in etwa zeitgleich Mao Zedong die Volksrepublik China aus. Zügig begann er im Anschluss mit seiner Roten Armee schwer bewaffnet ins Gebirge vorzurücken und den Tibetern auf die Pelle. Diese fühlten sich natürlich bedrängt, konnten der Kriegsmaschine aber nur schwerlich etwas entgegensetzen. Schließlich sind sie durch ihren Glauben zum Pazifismus verdammt. Ein nicht zu lösendes Dilemma. Indien sprang ihnen bei und bot McLeod als Exil für seine Heiligkeit, den Dalai Lama, und sein Gefolge an. Traurig, aber wahr – seitdem trudeln jedes Jahr Hunderte, wenn nicht gar Tausende Flüchtlinge aus Tibet in der Gegend um McLeod ein.
Nicht zuletzt durch diesen Umstand strahlt der Ort für viele Menschen aus dem Westen eine gewisse Romantik aus. Mit einem Besuch hier ist vieles gesagt: Solidarität mit einer unterdrückten Minderheit, Opposition gegen den Unrechtstaat. Und so strömen auch sie zu Tausenden in die Gegend. Sogar Berühmtheiten der großen Leinwand nutzten den Ort in der Vergangenheit für ihre ganz eigene Propaganda. Richard Gere zum Beispiel ist ein immer wieder gern gesehener Gast. Außerdem finden sich viele Freiwilligendienste, die die Tibeter und ihre Sache unterstützen, einheimische Nichttibeter, die sich benachteiligt fühlen und ein ganzes Herr touristischer Dienstleister aus ganz Indien, die mit dem niemals endenden Strom ausländischer Sinnsucher ihr Geld verdienen. Sie verkaufen T-Shirts, Decken, Taschen (natürlich handbestickt) und sonstigen Nippes.
Die Sinnsucher kommen mit Rucksäcken, Gitarren und Bongos. Der Ort ist tapeziert mit Angeboten für die unterschiedlichsten Yogaspielarten. Massagekurse, tibetische Sprachstunden und Hypnoseseminare. In den Cafés überbieten sich Meditationsjünger mit Geschichten aus Indien, Thailand oder auch Laos. Verschiedene Meister und Yogis werden in den Himmel gelobt, über andere werden vernichtende Urteile gesprochen. Von Scharlatanerie und Stümperei ist die Rede. Normal, würde ich denken, schließlich verheißen die Touristen das große Geld. Man muss nur den Schein von Authentizität wahren. Raj, ein Besucher aus Delhi, kann den ganzen Trubel auch nicht so recht nachvollziehen. Die meisten Inder, sagt er, interessieren sich gar nicht für Meditation und dergleichen. Wir sind zwar ein Volk mit vielen Göttern und auch spirituell aber, er macht eine Pause, irgendwie anders.
Ich will nicht zynisch klingen oder böse, geschweige denn mich zum Nestbeschmutzer machen, aber auf mich wirkt das meiste hier wie reiner Ethnothrash, den viele hier viel zu wichtig nehmen. Über allem hängt tonnenschwer das Bedürfnis, sich selbst zu finden. Als hätte ihnen jemand einen Mantel aus Blei angelegt, hocken die spirituellen Sinnsucher herum, trommeln träge auf ihren Bongos und tun so, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Bewegungen auf ein absolutes Minimum reduziert, nur dann und wann einen skeptischen Blick im Gesicht. Besonders, wenn ein neues Gesicht zur Tür hereinschaut oder sich gar jemand erdreistet, einen schlechten Witz zu machen. Diejenigen werden durch Nichtbeachtung (ja, auch ich) abgestraft und gedemütigt.
Mag sein, dass ich nicht verstanden habe, worum es hier eigentlich geht, oder ein paar Tage nicht ausreichen, um sich vollständig indoktrinieren zu lassen, aber je länger ich hier bin, desto mehr scheint mir der Ort wie eine surreale Scheinwelt, maßgeschneidert für ausgebrannte Menschen auf der Suche nach sich selbst, einem höherem Sinn oder was auch immer sich zu suchen lohnt. Viele beziehen hier Quartier über Monate und benehmen sich, als hätte Buddha selbst sie erleuchtet. Ich fühle mich nach kurzer Zeit nicht erleuchtet, sondern ermattet von der Schwere des Ortes.
Es geht aber auch anders: An meinem letzten Tag in McLeod treffe ich eine junge Frau in einer roten Mönchsrobe, die ganz offensichtlich nicht aus Tibet stammt. Sie kommt aus der Schweiz. Sie erklärt mir, dass sie seit nunmehr 8 Jahren in einem Kloster lebt. Und in Vorleistung gehen musste sie auch – nur Ausländer, die die tibetische Sprache in Wort und Schrift beherrschen, werden zum langwierigen Studium im Kloster zugelassen. Bis zum Abschluss hat sie noch weitere 8 Jahre vor sich – sage und schreibe 16 Jahre dauert es, bis sie sich offiziell und mit dem Segen des Dalai Lamas eine Nonne nennen darf. Ob sie das durchhält, wisse sie noch nicht so genau, fürs erste sei sie aber rundum zufrieden mit ihrem asketischen Leben voller Meditationen und dem aufwändigen Studium heiliger Schriften. Ich glaube ihr jedes Wort, so zufrieden wirkt sie. Dann kommen einige tibetische Kollegen in roten Roben vorbei, begrüßen sie herzlich und nehmen sie mit ins Kloster. Sie will nicht zu spät kommen, erklärt sie.
Das nenne ich konsequent. 8 Jahre und noch weitere 8 in devoter Zurückhaltung. Und das mit gerade mal Anfang 30 und einer erstaunlichen Leichtigkeit. Scheint, als wären die heiligen Kutten nicht aus Blei, sondern aus einem Material, dass ihren Trägern Zuversicht, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und gute Laune verleiht. So eine will ich auch – allerdings scheint mir der Aufwand dann doch zu groß. Den Hippies aber wünsche ich, sie könnten ihre bleischweren, pseudotibetischen Ethnogewänder eintauschen gegen die Luftigkeit einer heiligen Robe. Vielleicht zaubert das mal wieder ein Lächeln in ihr Gesicht.

jan kammann am 04. Oktober 11
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Hahnenkampf im Niemandsland
Jeden Tag die gleiche Prozedur. Auf großzügigen Tribünen beiderseits der indisch-pakistanischen Grenze versammelt sich eine patriotisch aufgeladene Mende. Kanalisiert und auf die Plätze verwiesen von massigen, hünenhaften Uniformierten, die mit ernster Miene auf die entsprechenden Ränge weisen. Die Schaulustigen, ausgestattet mit kleinen Fahnen in den Nationalfarben, wirken ungeduldig und gespannt, folgen aber gehorsam.
Östlich des Grenzverlaufs prangt das Gesicht Gandhis über einem pompösen Torbogen. Gütig und wohlwollend blickt der pazifistische Befreier Indiens auf die Szenerie zu seinen Füßen. Flankiert wird er von zwei schwer bewaffneten Soldaten, die das Geschehen auf den Tribünen entschlossen fixieren. Westlich der Grenze ein fast identisches Bild mit ein paar feinen Unterschieden: An Gandhis Stelle überschaut Ali Jinnah, der Staatsgründer des ewigen Rivalen Pakistans, die sich füllenden Ränge. Außerdem werden Frauen und Männer hier für den patriotischen Jubel getrennt – sie nehmen auf sich gegenüberliegenden Tribünen platz – und die Uniformen der diesseitigen Würdenträger sind von dunkler Farbe, nicht hell, wie die der Inder. Das ist die Kulisse für eine sich alltäglich wiederholende Zeremonie überbordenden Nationalstolzes, der offiziellen Grenzschließung im Sonnenuntergang.
Der Prolog des Spektakels in der Nähe der Städte Amritsar auf indischer und Lahore auf pakistanischer Seite wird von hoch motivierten Einheizern bestimmt. Ein in weiß gewandeter Mann läuft auf indischer Seite wild gestikulierend vor den Tribünen auf und ab. In sein Mikrofon brüllt er immer wieder aus voller Kehle ‚Hindustaaaan!’, die Menge folgt frenetisch. Einige schwenken stolz und schwitzend die Trikolore ihres Landes. Und wieder: ‚Hindustaaaan!’, dieses Mal mit der flehenden Geste zum Himmel geöffneter Arme. ‚Hindustaaaan’, schallt es dem Choreographen des Happenings nun 10.000fach ekstatisch entgegen.
Jenseits der Grenze wurde der Wettkampf angenommen. Auch hier beschwört ein Einpeitscher elektronisch verstärkt die Menge. Nicht weniger leidenschaftlich brüllt er den Namen des islamischen Gegenentwurf Hindustans. ‚Paaaakistan!’, ‚Paaaaakistan!’ gibt das Publikum dankbar und krachend zurück.
So langsam wird es ernst. Aufwendig herausgeputzte Soldaten gehen unter lautstarken Kommandos ihrer Vorgesetzen auf beiden Seiten der Grenze in Formation. Dann marschieren sie mit übertriebenen Stechschritten wie verliebte Gockel in Zweiergruppen auf den Grenzzaun zu. Dort beziehen sie im Angesicht ihrer verfeindeten Abbilder Stellung. Das indische und das pakistanische Publikum gerät vor Erregung völlig außer sich, die beiden Einpeitscher versuchen sich gegenseitig mit lang anhaltenden Presslauten, den Brunftrufen einsamer Hirsche nicht unähnlich, gegenseitig zu überbieten. Es gilt zu klären, wer den längeren Atem hat. Unterstützt werden sie vom immer wieder aufbrandenden Jubelgeschrei der Zuschauer, die jeweils ihren Repräsentanten vorne sehen.
Auf dem Gipfel der Erregung passiert es: Plötzlich werden die Grenztore aufgerissen und die Soldaten stehen sich frei jeder Barriere Auge in Auge gegenüber. Die Stimmung ist gespannt. Sekundenlang herrscht absolute Stille, die Menge bleibt regungslos. Dann beginnen ausgewählte Offizielle mechanisch, ihre jeweilige Fahne einzuholen, die sich im Niemandsland zwischen den Grenzzäunen befindet. Zackig und bedeutungsvoll werden die nationalen Symbole gefaltet und abtransportiert. Noch immer hält das Publikum still – erst als sich eine frische Fahne über die Szene erhebt, erschallt wieder lautes Geschrei. Die Menge ist erlöst. Nun schließen sich die Tore und auf den Tribünen wird getanzt, die Menschen liegen sich glückselig und stolz in den Armen.
Nun folgt der Epilog der Grenzschließung. Wie auf Schienen kehren die Soldaten mit unmöglichen Stechschritten in ihre Ausgangsposition zurück. ‚Hindustaaaan!’, dröhnt es von der einen, ‚Paaakistan!’, von der anderen Seite. Dann erklären die Anheizer die heutige Veranstaltung offiziell für beendet. Die Menschen stoben auseinander Richtung Ausgang – die Inder nach Osten, die Pakistanis nach Westen. Auf indischer Seite bestürmen einige die Soldaten, um sich mit ihnen fotografieren zu lassen. Über dem Grenzgebiet liegt eine eigenartige Zufriedenheit, so als hätte man sich seiner Feindschaft wieder einmal vergewissert und dadurch die Grundlage für die eigene Existenz erneuert. Das hat was Beruhigendes, satt und glücklich machen sich die Zuschauer auf den Heimweg – und wer noch nicht genug bekommen hat, kann ja morgen wiederkommen, wenn es wieder heißt: Show-off im Niemandsland.

jan kammann am 28. September 11
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Ratten
Es wimmelt vor Ratten. Auf dem Boden, in den Fenstern, auf den Geländern, den Stufen und in den Ecken sowieso. Kleine, große, junge, alte, dünne und fette. Auch tote sind dabei. Es stinkt, überall liegen Futterreste und das, was daraus wird. In der Hitze Westrajasthans herrscht geradezu beißender Gestank im Tempel der Karni Mata, der Herrin der Ratten. Den Besuchern ist das egal – sie wollen den heiligen Nagern die Ehre erweisen, sie knien nieder vor den Altären und verwöhnen die Tiere mit mitgebrachten Leckereien. Selig sind jene, die unter den Tausenden Ratten, die eine besondere entdecken. Sie ist weiß und fett und sie verheißt mehr Glück als alle ihre grauen Artgenossen zusammen.
Nicht weit entfernt der Stadt Bikaner am Rande der Thar-Wüste liegt dieser bizarre Ort im Dorf Deshnok. Pilger kommen, um die Göttin Karna Mata um große oder kleine Gefallen zu bitten. Diese hat sich in ihrer Zeit auf Erden durch allerlei Wunder hervorgetan – sie brachte Amputierte zum Laufen und unterstützte die Kriegsherren Rajasthans in aussichtlosen Kämpfen gegen verschiedene Feinde. Kobrabisse müssen mit ihrer Hilfe nicht mehr tödlich sein und auch in Seenot zu geraten ist kein Problem. Der direkte Draht zu ihr befreit die Gläubigen aus jeder noch so brenzligen Situation. Sogar den Wassermangel in der Wüste überwanden die Menschen der staubtrockenen Region mit ihrer Hilfe. Soweit, so schön. Das können andere Götter auch. Was aber hat es mit Ratten auf sich?
Ich frage Karni Matas Stellvertreter auf Erden. Radhabai, ein schmaler, freundlicher Mann mit wachen Augen, weist Interessierten den Weg zu den Ratten. Er sagt, alle Einwohner Deshnoks seien Familienmitglieder der Göttin, betraut damit, ihr Andenken zu pflegen und sich um das Wohlergehen der Tiere zu kümmern. Das hat neben der Frömmigkeit auch ganz egoistische Gründe: Als Verwandte Karni Matas befinden sie sich in einem ewigen Kreislauf zwischen Mensch und Ratte – die Nager, die den Tempel bevölkern, waren einst Dorfbewohner, deren Seelen nach ihrem Tod in den Körpern der Ratten fortleben. Und denen soll es natürlich gut gehen. Sie bekommen Futter, Milch, sogar ein kleines Fässchen Whiskey steht für sie bereit.
Das Privileg der Ratteninkarnation ist nur und ausschließlich den Deshnokis vorbehalten. Sie boten der Göttin in grauer Vorzeit nach einer langen Odyssee und Verfolgung durch hinterlistige Widersacher einen sicheren Hafen. Stolz auf sein Erbe blickt Radhabai verantwortungsbewusst in den Tempel, dessen Eingangstor mit prachtvollen Rattenreliefs verziert ist.
Aber warum Ratten? Hätten es nicht auch Tiger, Elefanten, Adler oder meinetwegen auch Affen sein können? Das erklärt Radhabai damit, dass Karni Mata einst einen Gestorbenen von den Toten erwecken wollte. Dazu musste sie den Totengott Yamu anhauen. Dieser sagte, dass er die Seele des Betreffenden schon anderweitig verwertet habe. Auferstehung unmöglich. Daraufhin erklärte Karni Mata wutentbrannt, alle ihre Angehörigen würden von nun an in Ratten fortleben. Durch diesen Kniff startete sie ihren eigenen kleinen Inkarnationszyklus, denn auf Ratten hat Yamu keinen Zugriff.
Ich verlasse den Tempel und frage mich, wie es sich wohl als Verwandter Karni Matas so lebt. Folgt aus der Familienbande ein fatalistischer Gleichmut, mit dem sich der Alltag in der Wüste leichter ertragen lässt? Freuen sich die Menschen darauf, nach ihrem Tod ein sorgloses Leben als Nagetier zu führen? Oder würden sie den Kreis gerne durchbrechen und zur Abwechslung mal in anderer Form weiterexistieren?
Im guten Gefühl nicht zu wissen, was das nächste Leben so bringen wird, fahre ich zurück nach Bikaner und bin froh, nicht versehentlich eine Ratte totgetreten zu haben – diese wäre dann zu meinem Lasten mit Gold aufgewogen worden.

jan kammann am 22. September 11
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Abu Abfall
Mt Abu ist ein Berg und ein Ort gleichermaßen. Er liegt in wunderschöner, natürlicher Umgebung. In seinem Zentrum befindet sich der bezaubernde Nakki-See, umgeben von Hügel mit ursprünglicher Vegetation. Sogar Leoparden und Bären leben hier. An seinem Ufer liegt der so genannte Honeymoon-Point, ein Ort, an dem Paare in ihren Flitterwochen die einzigartige Natur genießen. Vom Toadrock, einem krötenförmigen Felsen, der hoch über See und Städtchen thront, genießen Besucher das beeindruckende Panorama über die Umgebung. Ein märchenhafter Ort.
Eine weniger märchenhafte Seite hat der Berg aber auch. Bei genauer Betrachtung sind all diese romantischen Orte total zugemüllt. Wenn es sich ausgeflittert hat am Honeymoon-Point, hinterlassen sogar die verliebten Paare Unmengen an leeren Plastikflaschen- und Tüten. Der Weg hinauf zum Toadrock ist gesäumt von allerlei Unrat und im See selbst treiben neben halb abgesoffenen Tretbooten die Hinterlassenschaften vieler Besucher. Der ganze Müll hat seinen Ursprung in der Hauptstraße Mt Abus. Hier reiht sich Fastfoodbude an Nippesgeschäft an Massagesalon.
Der Ort erfreut sich größter Beliebtheit bei Touristen aus dem benachbarten Bundesstaat Gujerat. Dort ist Alkoholausschank verboten, hier, in Rajasthan, nicht. Die gut betuchten und feierlustigen Ausflügler kommen also, um für ein paar Tage der Prohibition zu entgehen und mal kräftig die Sau rauszulassen. Zu erkennen sind sie an ihren Geländewagen und insgesamt lautstarkem Auftreten – in Gruppen mäandern sie um den See. Ich werde ständig aufgefordert auf Gruppenfotos zu posieren und vom Whiskey zu naschen.
All dies geht Ashok gewaltig gegen den Strich geht. Er ist hier aufgewachsen und sieht seine Heimat seit einigen Jahren durch den Feiertourismus bedroht. ‚Höchstens 20 Jahre’, sagt er, ‚solange wird es noch dauern, bis der heilige Mt Abu verkommen ist zu einem stinkenden Müllhaufen.
Ashok organisiert Treks in die Wälder der Umgebung. ‚Sustainable’, nachhaltig, wie er sagt und man glaubt ihm aufs Wort. Auf einer Wanderung erzählt er von Leoparden und Bären, die man hier immer seltener zu Gesicht bekommt und vom Urwald, der immer schneller neuem Bauland für Hotels zum Opfer fällt. Einige reiche Touristen, erzählt er, machen sich einen Spaß daraus, in der Umgebung zu jagen. Beliebtester Abschuss sind natürlich Leoparden. Das ist natürlich illegal, bei entsprechender Bezahlung interessiere das hier aber niemanden. In der Hauptstraße des Ortes befindet sich sogar ein Waffengeschäft – hier findet der geneigte Tierliebhaber alles für seinen Freizeitspaß. Ein schlagendes Argument des Verkäufers: ‚Schon die alten die Maharadschas liebten es zu jagen.’
Ein wenig erinnert Naturliebhaber Ashok an Don Quichotte. Nur kämpft er nicht gegen Windmühlen, sondern gegen behördliche Willkür. Seine Vorschläge wenigstens die Natur sauber zu halten, prallen an den Mächtigen ab. Seine jüngste Idee, die er durchzusetzen versucht, ist ein Pfandsystem für Plastikverpackungen. Jeder, der die Hauptstraße mit seinen Geschäften verlässt, beispielsweise zum Honeymoon-Point, wird angehalten den Müll in spe an einem Check-Point gegen eine Wertmarke einzutauschen. Nach dem Auflug werden die Einwegbehälter dann wieder zurückgegeben. So bleibt der Abfall zumindest erst einmal an einem zentralen Ort. Was dann damit passiert, müsse man sehen – schließlich gibt es keine Müllabfuhr. Ashok ahnt allerdings, dass seine Idee sich in der geldgeilen Umgebung Mt Abus nicht umsetzen lassen wird. Bei den örtlichen Hoteliers und Gaststättenbetreibern herrscht Goldgräberstimmung dank des Alkoholverbots in Gujerat. Die Angst, die Touristen mit unangenehmen Auflagen zu vergrätzen ist groß.
Zusammen mit einer kleinen Gruppe erklimmen wir einen Felsen hoch über der Stadt, von wo man bei klarem Wetter einen herrlichen Sonnenuntergang genießen kann. Auch bei Wolken vergangenem Himmel ist es schön. Für seine Touren musste er den Standort wechseln, erklärt Ashok – vom gegenüberliegenden Sunset-Point hierher. Den haben seit kurzem die Reisehooligans für sich eingenommen. Ashok sagt, die Natur ist göttlich. Sie ernährt uns und muss daher immer und überall mit Respekt behandelt werden. Wer das nicht verstanden hat, begreift gar nichts. Zum Abschluss der Tour, werden wir aufgefordert, die Hände zu falten, die Augen zu schließen und uns für die Einzigartigkeit der Natur zu bedanken. Während wir das tun, weht aufgeregtes Gejohle und Gegröle durch den Nebel vom Sunset-Point herüber und es wird klar, dass Ashok noch viel Missionarsarbeit vor sich hat. j

jan kammann am 17. September 11
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Ahmedabad
Auf den ersten Blick wirkt die Stadt ausgesprochen feindselig. Vor allem, wenn man die ganze Nacht nicht geschlafen hat und sich mit grauenhaften Kopfschmerzen herumschlagen muss. Ahmedabad ist unfassbar laut, staubig, überfüllt und total zugemüllt. Das Hupenproblem potenziert sich noch mal um ein Vielfaches im Vergleich zu Mumbai. Beim Verlassen des Bahnhofs rennt man geradewegs in einen Soundbrei aus schrillen Hupen und dröhnenden Motorengeräuschen, verursacht durch eine Unzahl von Rikschas, Mopeds und Bussen. Eine Kakophonie.
Ich gehe auf den Bahnhofsvorplatz und sofort kommt ein Rikschafahrer auf mich zu. Der erste Reflex: Lass mich in Ruhe! Doch der Mann bleibt entspannt, geradezu verständnisvoll. Sein Englisch ist gut und er klärt mich über die Besonderheiten der Stadt auf. Ahmedabad sei Textilhauptstadt Indiens, sagt er, und morgen beginnt eine große Messe. Deswegen seien alle Hotels ausgebucht. Ich bleibe skeptisch, klettere aber mangels Alternativen auf die Rückbank seines dreirädrigen Feuerstuhls. Wir klappern ein paar Gasthäuser ab, die mein Reiseführer vorschlägt und siehe da: Er hat Recht, alles voll. Nach mehr oder weniger langer Suche finden wir dann doch noch ein freies Zimmer. Und das Verblüffende ist, er will keine Gegenleistung über den üblichen Tarif hinaus. Er sei stolz, mir sein Land zu zeigen, sagt er und er betrachte es als seine Pflicht, mir als Fremden den Aufenthalt im anstrengenden Ahmedabad so angenehm wie möglich zu machen.
Die Stadt wird in erster Linie vom horrormäßigen Verkehr geprägt, von Müllhaufen an jeder Ecke und von streunenden Hunden und Ziegen. Auch die heiligen Kühe sind allgegenwärtig. Sie stehen kauend und glotzend auf den Straßen inmitten des Höllenlärms herum. Ich frage mich, ob man ihrer Heiligkeit mit einem Schlachthof nicht einen Gefallen täte. Das ist aber natürlich nur die Ketzerei eines Ungläubigen. Komplettiert wird das Stadtbild von Geiern, die ebenfalls mit den Menschen koexistieren. Die Müllhaufen sind für sie ein niemals endendes All You Can Eat-Buffett.
Auch Ganesh ist hier. Natürlich. Vor seinen Schreinen musizieren Hindus, bringen ihm Gaben und beten für Intelligenz und Wohlstand. Das bedeutendste religiöse Bauwerk ist allerdings eine Moschee. Erbaut im Jahre 1411 von Ahmed Sha, dem Namensgeber der Stadt, ist sie heute Wallfahrtsort für Muslime und für mich eine Oase der Ruhe. Kein Mucks ist zu hören. Das ist ganz erstaunlich, denn vor ihren Toren, keine 20 Meter entfernt, regiert das Chaos der Straße mit seinen Marktständen. Im Eingangsbereich des Gebetshauses befindet sich ein Unterwäschestand, an dem wild und lautstark darum gefeilscht wird, was die Muslima unter der Burka trägt. Schon wieder Ketzerei, aber dennoch Interessant.
Interessant auch, die Leute wollen alle von mir fotografiert werden. Ich habe mal gehört, dass einige südamerikanische Ureinwohner glauben, ihnen werde die Seele geraubt, wenn ein Foto von ihnen gemacht wird. Das ist hier nicht der Fall und auch überhaupt nicht miteinander zu vergleichen. Ein schöner Gedanke dennoch: Die Menschen hoffen, durch das Foto an einen ruhigeren, weniger verdreckten Ort zu gelangen, um dort in Ruhe fortzuleben. Das kann ihr Wunsch aber auch nicht sein, denn trotz aller Widrigkeiten, die wohl nur für mich schwer zu ertragen sind, machen alle einen gutgelaunten Eindruck. Alle lachen, nicken mir aufmunternd zu. Immer wieder werde ich nach meinem Wohlbefinden gefragt und danach, woher ich komme und wohin ich will. Trotzdem. Ein Tag in dieser Stadt ist genug. Am Abend fahre ich weiter nach Mt. Abu, einen sommerfrischen Ort in den Bergen, den einst schon die Maharadscha zur Erholung aufsuchten.
jan kammann am 16. September 11
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Mumbai - Ganesha Superstar
Ende August/Anfang September huldigt man in Mumbai Ganesha, einem der schillernden Superstars in Indiens Götterhimmel. Sowieso ist der 4-armige Bursche mit seinem Elefantenkopf allgegenwärtig, er dient als Werbeträger für Telefon- und Lebensmittelkonzerne. Sogar eine Zementfirma ziert sein Logo mit dem Antlitz Ganeshas, dem intelligenten Glücksbringer, der Reichtum verheißt und alle Hürden zu überwinden vermag. Natürlich spielt Ganesha auch in der alltäglichen Lebenswelt eine wichtige Rolle. In den Straßen werden ihm zu Ehren bunte Schreine errichtet, behangen mit farbenfrohen Stoffen und grell illuminiert. In Geschäften und Wohnungen hängen Bilder von ihm, immer begleitet von seinem zuverlässigen Reittier, einer Ratte.
Die zuverlässigste Klientel Ganeshas, der sich letztlich auch in der Götterwelt gegen eine Vielzahl mächtige Konkurrenten wie Shiva, Vishnu oder den Affengott Hanuman durchsetzen muss, sind Menschen, die Kopfarbeit leisten. Ist er seinen Anhängern wohl gesonnen, sorgt er für einen stetigen Fluss an guten Ideen. Man könnte sagen, Werbetexter, Medienleute und Kreative aller Art sind beim Elefantengott an der richtigen Adresse. Gute Ideen sind natürlich gleichbedeutend mit viel Geld. Arme Menschen sind demzufolge wohl nur Einfaltspinsel, die den falschen Göttern huldigen.
Um den Ideenfluss nicht abbrechen zu lassen, ist es wichtig, auf bestimmte Details zu achten. Es ist keineswegs ausreichend, sich sporadisch vor dem Elefantengott zu verbeugen und ein paar Rupien für sein Wohlergehen zu spenden; nein, man muss sein Heim, insbesondere den Eingangsbereich, mit einem doppelten Ganesha schmücken. Doppelt deshalb, weil einer nach vorne schauen muss, um den Ideenstrom nicht abreißen zu lassen und der andere blickt nach hinten und wehrt bei Gelegenheit Ungemach ab.
Und Ungemach ist dem gutmütigen Ganesha auch einst widerfahren. Ihm wurde der Kopf abgeschlagen. Zu diesem Unglück kam es, weil seine Mutter Parvati den kleinen Ganesha gebeten hatte, niemanden ins Haus zu lassen, denn sie musste entspannen bei einem Bad. Unglücklicherweise kam just zu dieser Zeit Shiva, der mächtige Zerstörer, vorbei und begehrte um Einlass. Als dieser ihm verwehrt wurde, platzte dem alten Aggrogott so was von der Kragen, dass er Ganesha kurzerhand den Kopf abschlug. Ein Unglück, denn bald sollte Shiva feststellen, dass Ganesha sein Sohn war. Er hatte ihn lange nicht gesehen und nun fühlte er sich schlecht. Als Wiedergutmachung versprach er, den Kopf zu ersetzen. Die nächstbeste Kreatur, die seinen Weg kreuzt, sollte dafür herhalten – und das war dann wohl ein Elefant, dessen Rüssel und Stoßzähne der kleine Ganesha seitdem durch die Götterwelt trägt.
Was sagt mir das nun, als jemand der von Haus aus nur einen Gott gewohnt ist? Nicht gleich den Kopf verlieren, wenn gute Ideen ausbleiben? Nicht sofort jemanden den Kopf abreißen, wenn es mal nicht läuft oder einem der Einlass verweigert wird? Beides ist wohl hilfreich, will man seinen (Ideen-)reichtum mehren und bewahren. Ganesha ist ab sofort auch mein Lieblingsgott.
jan kammann am 14. September 11
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Mitternacht in Mumbai
Spät abends komme ich am Flughafen Mumbai an: Der freundliche Herr von der Visumskontrolle ist skeptisch: Was wollen Sie hier, sind Sie alleine, was tun Sie, wenn Sie gerade nicht nach Indien einreisen? Nach einigen stechenden Blicken und eingehender Musterung lässt er mich durch.
Nun gelange ich zusammen mit anderen Flugreisenden in eine große Halle. Hier gibt es verschiedene Dienstleister; man kann Geld wechseln, sich die Schuhe putzen lassen oder Schnickschnack kaufen. Alle sind aufgeregt, fast überdreht. Riesen Tumulte gibt es jedoch woanders – vor den Schaltern der Pre-Paid-Taxis regiert das Chaos. Es wird gedrängelt und geschubst, geflucht und gebrüllt. Ich erfahre, dass man vor Fahrtbeginn ein Ticket kauft, dessen Preis vom Zielort abhängig ist. Zielort? Gute Frage, ich bin mir noch nicht ganz sicher, wo ich eigentlich hin will. Die Frau am Schalter brüllt mich an: ‚Where you going?’ Ich werde nervös und blättere hastig in meinem Reiseführer und entscheide mich wahllos für den Stadtteil Colada, in dem sich neben dem berühmten Gateway to India auch viele Hotels befinden. Auch sie mustert mich skeptisch, füllt aber trotzdem einen Schein aus, den sie mir gegen Bezahlung überreicht.
Raus aus der Halle. Erstmal durchschnaufen und eine rauchen, denke ich, doch dazu kommt es nicht. Gerade als ich den Rucksack absetze und mir neugierig das Gewusel anschaue, reißt mir ein quirliger Typ das Ticket aus der Hand. ‚I’m your Driver!’, schnauzt er. Aha! My Driver, also. Ein Taxi ist weit und breit nicht zu sehen. Dennoch zwingt er mich, ihm zu folgen. Er hat den Fetzen Papier, der mein Ticket ist, in der Hand und stürmt davon. Wir biegen um die Ecke und erreichen einen Parkplatz. Alle möglichen Vehikel weisen sich hier als Taxi aus: Dreirädrige Motorrikschas, Kleine, schwarz lackierte Rostlauben den Trabis nicht unähnlich und große Limousinen. Der hektische Mann legt ein Wahnsinnstempo vor und stoppt vor einem trabiähnlichen Gefährt: ‚Number 489!’, brüllt er und weist auf ein Gefährt. Ich verstehe. Auch er ist Dienstleister, nicht aber der Fahrer. Der lehnt lässig an der Motorhaube seines Boliden und nimmt gelangweilt, aber mit verachtendem Blick den Fetzen Papier von seinem Handlanger entgegen. Dieser wendet sich nun wieder mir zu und will, wie sollte es anders sein, Geld. Ich weigere mich. Er langt nach meinem Gepäck, will es verladen. Ich halte es fest, er guckt irritiert. Ich bin entschlossen, mich durchzusetzen. Nach einigem Gerangel um meinen Rucksack gelingt es mir, mich auf die Rückbank zu flüchten. Der Fahrer wartet schon mit laufendem Motor, noch immer mit gelangweilter Körperhaltung und mit nun ausdrucksloser Miene. Er fährt los, der aufgeregte Typ bleibt zurück. Er tut mir leid.
Auf der Fahrt wird deutlich, wie groß die Stadt wirklich ist. Wir kommen vorbei an endlosen und hell erleuchteten Häuserfronten, die ich als Zugänge zu Slums ausmache. Denn zum einen ist der Begriff Häuserfront unpassend, Schuppenfront trifft es schon eher und zum anderen hat mir mein Reisführer verraten, dass unglaubliche 55% der Bevölkerung Mumbais in Elendsvierteln leben. Der Taxifahrer schweigt zu diesem Thema wie zu allen anderen auch.
Trotz später Stunde ist der Verkehr der reine Wahnsinn, die Straßen werden durch den heftigen Regen nicht besser und ich habe keine Ahnung, ob der Fahrer überhaupt weiß, wohin ich will. Er kauert noch immer gelangweilt hinter seinem Steuer und hupt mechanisch. Dieses Verhalten kenne ich schon aus China. Auch hier scheint die Hupe als Verlängerung Nervensystems Nervensystems zu dienen. Jede nervöse Regung macht sich sofort auch akustisch bemerkbar. Bei offenem Fenster rauchend, versuche ich zu verdrängen, dass ich dem Fahrer komplett ausgeliefert bin. Unruhe wäre auch unangebracht gewesen – nach anderthalb Stunden erreichen wir unser Ziel. ‚Colada Causeway, sagt er. Ich finde ein Hotel, nichts Bezauberndes aber sauber und günstig. Ich freue mich und gehe und ohne Abendbrot ins Bett.
jan kammann am 14. September 11
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Training Days
Meine Zeit in Changchun geht dem Ende entgegen. Schade eigentlich – ein knappes Jahr reicht wohl nicht aus, die Geheimnisse dieses Landes zu durchdringen. In meinem Fall liegt es wohl daran, dass ich das wichtigste Werkzeug noch immer nicht angemessen nutzen kann. Zwar sind meine Chinesischkenntnisse mittlerweile nicht mehr nur ‚fei chang bu hao’‚ 'außerordentlich nix gut', sondern nur noch ‚bu hao’, 'nix gut'. Schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, aber doch ein Quell niemals endender Missverständnisse. Sei es bei der Arbeit, in Spießlokalen oder beim Einkaufen – antworte ich auf eine Frage auf Chinesisch, konfrontiert mein freudiges Gegenüber mich sofort mit einem ungeheuren Wortschwall. So sehr ich auch versuche, das Gesagte zu verstehen – in den wenigsten Fällen gelingt es mir. Meinen Gesprächspartnern scheint das egal zu sein – fröhlich reden sie weiter auf mich ein. Das ist anstrengend und frustrierend, weil ich fast immer um eine Antwort verlegen bin.
Die merkwürdigsten Begegnungen dieser Art kann man machen während ausgiebiger Zugreisen durchs Land. In den letzten Monaten habe ich über 12.000 km Fahrstrecke mit diesem chinesischsten aller Verkehrsmittel zurückgelegt. Nirgends kommt man seinen Mitmenschen so nahe wie hier. Zwangsläufig ergeben sich intensive Gespräche und intimer Körperkontakt. Generell wird man in vielen Landesteilen Chinas als Ausländer bestaunt wie ein seltenes Tier - und ein seltenes Tier will man natürlich auch mal anfassen, mit ihm auf Fotos posieren oder es einfach nur stundenlang ausgiebig anstarren und studieren. Gerne diskutiert man natürlich auch lauthals das komische Verhalten dieses seltsamen Wesens und stellt Mutmaßungen an über Herkunft und Fortpflanzungstrieb.
Außerdem neigen viele chinesische Zugbegleiter ganz offenbar dazu, Telefonnummern von Ausländern als eine Art Trophäe zu sammeln. In den seltensten Fällen rufen sie dann mal an. Wenn, dann mit einer fürchterlichen Penetranz. So zum Beispiel Guo Jia Wi aus Gansu. Anfänglich rief er täglich an, um mich zu sich nach Hause einzuladen. Dummerweise ist sein Zuhause 3.500 km von meinem entfernt, also ein bisschen weit, um mal eben kurz vorbeizuschauen. Unsere Gespräche beschränken sich stets auf diese Einladung und auf wenige Sympathiebekundungen. Ich kann seinen Ausführungen immer nur zustimmendes ‚Mmmh! Mmmh! Hao! Hao!’ entgegensetzen. Ihn scheint das nicht weiter zu irritieren, ruft er doch immer wieder an.
Es kann unheimlich anstrengend sein, ständig das Zentrum des allgemeinen Interesses zu stehen. Besonders, wenn man sich nicht mal eben schnell in einem Parkhaus verstecken kann. In Zügen gibt es keine Möglichkeit sich ausreichend zu tarnen. Kopfhörer geben ein Zeitpolster, bieten aber keinen ausreichenden Schutz. Man müsste sie zusätzlich durch Augenklappen ergänzen, will man seine Ruhe haben. Meine Kopfhörer garantierten mir auf einer Fahrt vom zentralchinesischen Zhengzhou nach Ji`An etwa eine halbe Stunde Entspannung. Dann konnte es einer der Mitreisenden, mit denen ich zwischen zwei Waggons ausharren musste, nicht mehr aushalten. Er riss mir die Kopfhörer vom Kopf und rief: ‚Ni shi na guo ren?’,Aus welchem Land kommst Du?’ Ich antworte brav, dass ich aus Deutschland komme. Er guckt enttäuscht, mit seinen Kumpels hatte er gewettet und verloren. Franzose war sein Tipp.
Dabei ließ er es dann aber nicht bewenden. Den üblichen Smalltalk beherrsche ich schon ganz gut. Es geht um Einkommen und Beruf und chinesisches Essen. Alles hao. Aber die Neugier des schon einigermaßen betagten Mannes war noch immer nicht gestillt. Der Silberrücken entsandte einen seiner jüngeren Begleiter, um einen Dolmetscher zu finden. Der ließ nicht lange auf sich warten. Gut für mich – er musste das Fragenfeuerwerk schließlich erstmal filtern. Nach kurzer Zeit wirkte der arme Mann gestresst. Ich war mittlerweile in der schwitzigen Umklammerung des Alphatieres gefangen. Er murmelte selig was von ‚Pengyou, Pengyou’ (Freund, Freund). Nach einer ausgiebigen Fotosession fasste er dann einen Entschluss: Er forderte mich auf, seine Tochter kennen zu lernen. Die würde Zuhause warten und sich bestimmt freuen, mal einen Deutschen zu treffen. Oh Nein, Oh Nein. Nach stundenlanger Belagerung hatte ich mich schon gefreut, dass er bald aussteigt und ich den Rest der Fahrt in Ruhe genießen kann – und jetzt das. Ich war überfordert – und gleichzeitig überwältigt von diesem Akt der Gastfreundschaft. Trotzdem gelang es mir, mich aus seinen Fängen zu lösen. Schließlich hatte ich doch keine Zeit und war durch die vergangenen Stunden bereits völlig verausgabt. Rückblickend denke ich allerdings, gucken hätte ich ja mal können.
Eine weitere Merkwürdigkeit ereignete sich auf einer Fahrt zwischen Changchun und Peking. Als letzter hasstete ich den Bahnsteig entlang und erreichte in allerletzte Minute die Zugtür. Der Schaffner war gerade dabei die Tür zu schließen, als mir ein aufgeregter Typ plötzlich eine türkise Papiertüte in die Hand drückt. Was soll das? Er steht vor der Tür und faselt hektisch irgendwas von seinem Freund, der im Zug sitzt und die Tüte unbedingt braucht. Er fordert mich auf, ihm mein Handy zu geben. Irritiert leiste ich seinen Anweisungen folge, der Schaffner macht Stress, wir müssen los. Er hackt seine Nummer in das Telefon und schmeißt es durchs Fenster in meine Arme. Der Zug fährt an und er bleibt wild gestikulierend zurück. Offenbar soll ich ihn anrufen.
Natürlich leiste ich seinen Aufforderungen unverzüglich folge. ‚Tüte!’, sage ich. ‚Ja!’, sagt er, ‚Sein Freund braucht sie’. Ja Ja, denke ich mir, er kann sie sich ja bei mir abholen. Den Rest seiner Anweisungen verstehe ich nicht, sage aber noch freundlich Tschüß und lege auf. Er ruft wieder an. Ich weiß nicht, was er will. Er selbst auch nicht. Ich lege auf. Er ruft wieder an, ich lege wieder auf. Dann rufen andere Leute an, immer mit dem gleichen Ergebnis. So geht das eine ganze Weile, bis ich eine geduldige Frau am Telefon habe. Sie erklärt mir nun, dass in Peking jemand auf mich Warten werde, um die Tüte in Empfang zu nehmen. Keine Rede mehr von einem Freund, der die Tüte unbedingt jetzt braucht. Sehr mysteriös das. Ich kann auch nicht reingucken, die Tüte ist zugetackert. Was ist wohl drin? Kürzlich wurde ein Engländer für Drogenschmuggel hingerichtet, fährt mir in den Kopf. 4 Kilo Heroin hatte er dabei. Soviel wiegt die Tüte nicht, höchstens eineinhalb. Macht das einen Unterschied? Ich lege die Tüte auf die Gepäckablage und versuche nicht weiter darüber nachzudenken. Es passiert nichts – keine weiteren Anrufe, keine Drogenfahnder.
Am Bahnhof am nächsten Morgen werde ich tatsächlich auf dem Bahnsteig in Empfang genommen von zwei Männern, die ein Schild mit meinem Namen in der Hand halten. ‚Ich bin Jan’, sage ich. Der eine schüttelt mir kurz die Hand, nimmt die Tüte und geht zu einem schwarzen Audi A 8. Der ist mitten auf dem Bahnsteig geparkt. Das ist sogar in China ungewöhnlich. Die Scheiben sind verdunkelt, ich kann aber erkennen, dass weitere Gestalten im Wageninnern sitzen. Die beiden anderen steigen ein, der Wagen startet und bahnt sich hupend seinen Weg durch die Menschenmenge. Was war das denn jetzt? Wo ist der Freund, dem die Tüte angeblich gehört und wieso bedankt sich niemand bei mir? Eigentlich hatte ich gehofft, noch zu erfahren, was denn drin ist in der Tüte. Vielleicht Pläne zur Urananreicherung, die Weltformel oder doch nur profane Drogen?
Viele Begegnungen sind also oft skurril und geprägt von Missverständnissen. So sehr ich auch versuche, mir einen Reim auf alles zu machen, so sehr habe ich oft das Gefühl, hoffnungslos daneben zu liegen. Nichtsdestotrotz waren (fast) ausnahmslos alle Menschen, die ich getroffen habe freundlich und offen. Ihre Neugier ist überwältigend genauso wie die Gastfreundschaft. Wie zum Beispiel in einem Wüstenkaff in der Provinz Ningxia, wo ich von einer ganzen Familie verköstigt und betüdelt wurde. Hier hatte man sogar Geduld mit mir und ich konnte alle Fragen zur allgemeinen Zufriedenheit beantworten. Die Familienvorsteherin wollte mich sogar zum Bleiben bewegen. Sie sagte, sie würde gerne mehr erfahren über die Welt, aus der ich komme – und ich würde gerne mehr erfahren von ihrer Welt. Vielleicht besuch ich sie noch mal.
Genauso harmonisch verlief ein Treffen mit einer Gruppe Studenten am Bahnhofsvorplatz in einer anderen Wüstenstadt. Sie versorgten mich fröhlich mit Bier und forderten mich auf, ihre Frisuren zu bewerten. Intern hatten sie den einzigen Langhaarigen ihrer Gang als hässlichen Vogel ausgemacht, der dringend einen Haarschnitt braucht. Obwohl er überzeugt ist von seiner Haarpracht, wird er sich dem Druck nicht lange beugen können, denn auch die Damen waren einhellig der Meinung, seine Frisur sei schlicht scheiße.
Begegnungen dieser Art werde ich vermissen. Sie führen mir vor Augen, dass das Leben, wie ich es kenne, nicht zwangsläufig der Weisheit letzter Schluss ist. Hinter der vordergründigen Sprachbarriere verbirgt sich ein ganzes Universum von anderen Lebenskonzepten und Wahrnehmungen, unterschiedlichen Weltanschauungen und Philosophien, die genauso richtig oder falsch sind wie meine eigenen. Ist halt alles irgendwie relativ - von den Frisuren mal abgesehen.
Bis zu meiner Rückreise habe ich noch einige 1.000 km in öffentlichen Verkehrsmitteln vor mir. Ich bin überzeugt, ich werde weiterhin auf so viele freundliche und interessante Menschen treffen. Vielleicht finde ich noch Gelegenheit, an dieser Stelle ein paar Geschichten zum Besten zu geben – ansonsten bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit und freu mich auf zu Hause. Wir sehen uns. Vorzugsweise vor irgendeinem Kiosk in oder um St. Pauli oder irgendwo im Grünen bei Spießchen und Bier.
Bis dahin – ich freu mich auf Euch!
jan kammann am 11. Juni 10
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‚Schulstress ist mein Alltag’
Ni hao ihr alle! Mein Name ist Yi Meng. Ich wohne in Changchun. Hier ist es eigentlich ganz schön aber mein Alltag ist manchmal ziemlich anstrengend - schließlich gehe ich zur Schule. Und das auch noch in China. Wir müssen viel lernen und ich bin deshalb oft müde und kaputt. Trotzdem habe ich auch manchmal Spaß. Ich beschreibe mal, wie es bei uns in der Changchun Foreign Language School so zugeht:
Wie jeden Tag werden wir auch montags um 6.00 Uhr geweckt. Dann stehen wir auf, frühstücken und gehen rüber in die Klassenräume auf der anderen Seite des Schulgeländes. Ich teile mir ein Zimmer mit drei Freundinnen im Wohnheim für Mädchen. Das von den Jungs liegt direkt nebenan. Eine Stunde später beginnt dann der Unterricht. Jeden Tag habe ich mindestens 8 reguläre Stunden und danach sitze ich meistens bis um 18.00 Uhr im Klassenraum, um den nächsten Schultag vorzubereiten. Doch der Tag ist dann noch nicht vorbei – jeden Tag bekommen wir jede Menge Hausaufgaben auf, die ich dann am Abend mache. Das alles ist sehr anstrengend und ich bin oft sehr müde in der Schule.
In der ersten großen Pause am Montag findet immer der Fahnenappell statt. Alle 4.000 Schüler versammeln sich dann auf dem Schulhof und beobachten, wie eine neue Flagge gehisst wird. Währenddessen wird die chinesische Nationalhymne gespielt. Danach hält immer ein Schüler oder eine Schülerin eine Rede und spornt uns an fleißig zu lernen.
Das machen wir sowieso. Gute Noten sind sehr wichtig in China. Nach meinem Abschluss werden sie darüber entscheiden, ob und was ich studieren kann. Ich möchte gerne mal Ärztin werden oder vielleicht Diplomatin. Dann kann ich in viele andere Länder reisen und mein Land repräsentieren.
Bis dahin vergeht aber noch eine lange und anstrengende Zeit. Schließlich bin ich erst 14 und muss noch 4 Jahre zur Schule gehen. Übrigens hatte ich vor kurzem Geburtstag. Geboren wurde ich 1996, also im Jahr der Ratte. Ich mag Ratten – sind sie doch als ehrgeizig und ehrlich bekannt.
Ich verbringe also viel Zeit mit Lernen. Deshalb bin ich froh, dass wir nur zu viert sind in unserem Schlafsaal. Freunde von mir müssen sich ein Zimmer mit bis zu neun anderen Schülern teilen. Da ist es dann oft laut und man kann sich nicht konzentrieren. In unseren Zimmern müssen wir um halb neun sein und um elf geht das Licht aus. Ich habe aber eine Lampe mit Batterien, damit ich noch länger lesen kann. Besonders vor Prüfungen kann ich darauf nicht verzichten.
An allen Tagen außer Montag haben wir gemeinsam Sport in der ersten großen Pause. Wieder versammeln sich alle im Innenhof. Zu lauter Musik tanzen wir dann eine Choreographie. Es ist wichtig, die Schritte und Bewegungen gut zu können, denn unsere Sportlehrer beobachten uns und bewerten die Genauigkeit. Besonders Jungs können sich die Abläufe oft nicht merken. Dann müssen sie nachsitzen und so lange üben, bis alles sitzt.
Aber auch sonst ist Sport für mich sehr wichtig. Einmal im Halbjahr findet bei uns an der Schule ein Wettkampf statt. Alle Klassen treten gegeneinander an in Badminton, Fußball, Basketball und Tischtennis. Meine Lieblingssportart ist Volleyball und zusammen mit meinen Freundinnen trainiere ich täglich in der Mittagspause für das Turnier.
Wenn am Freitag die Schule aus ist und ich ganz müde nach Hause komme, habe ich trotzdem kaum Zeit für mich. Samstags und sonntags gehe ich in eine andere Schule und habe dort noch mal fünf Stunden am Tag. Meine Eltern bezahlen für den Unterricht. Das ist zwar ganz schön stressig und ich habe oft keine Lust, aber besonders in Englisch und Mathe helfen mir die Stunden sehr. In China ist das ganz normal – alle meine Freundinnen haben Extrastunden am Wochenende.
Am Sonntagabend bringen meine Eltern mich dann wieder zur Changchun Foreign Language School. Am Anfang hatte ich oft Heimweh aber mittlerweile freue ich mich auf meine Freunde. Wir sind gerne zusammen, lernen viel aber haben auch viel Spaß. Besonders beim Sport – schließlich wollen wir gemeinsam das Turnier gewinnen.
Im Moment ist Schule also mein Leben. Alles mach ich hier – schlafen, essen, lernen. Unser ausländischer Lehrer, dieser Yang oder so, hat gesagt, in Deutschland hat man immer schon um 14.00 Uhr frei. Oft wünsch ich mir das auch, besonders wenn ich nach der Mittagspause meine Augen kaum mehr aufhalten kann.
Ich frag mich nur, was macht ihr eigentlich dann den ganzen Nachmittag? Über Eure Antworten freue ich mich. Yang Laoshi sagt immer nur, er hätte viel 'rumgehangen' als Schüler. Was meint er?

jan kammann am 08. Juni 10
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Holy Shit
Bereits vor einer ganzen Weile wurde ich in meiner Aliens Chinese School um einen Gefallen gebeten. Little Fish, die Sekretärin der Schule, blieb allerdings nur sehr vage und rückte nicht so richtig raus mit der Sprache, um was es denn eigentlich geht. Ich erfuhr nur, dass es sich um eine Hochzeit ihrer Freunde handelt, bei der die Anwesenheit eines Ausländers gewünscht sei. Ist bestimmt interessant, dachte ich mir und sagte zu.
Ein paar Wochen später, der Hochzeitstermin rückte immer näher, fragte sie dann plötzlich, wie es um meine Frömmigkeit bestellt sei. Ich sagte, dass ich mit der Kirche ungefähr soviel zu tun habe, wie der Papst mit der Aufklärung von Missbrauchsfällen, aber dennoch getauft und konfirmiert bin. Skeptisch zieht sie die Augenbrauen hoch und murmelt ‚Mei Shi, Mei Shi’ (Macht nichts).
Bis dahin habe ich gedacht, es ginge um eine traditionell-chinesische Hochzeit und ich soll als Ausländer für den Hauch Exotik sorgen. Über meine genaue Funktion auf dem Fest hatte ich mir bis dahin keine Gedanken gemacht. Jetzt hieß es plötzlich, das Paar wolle in einer abendländisch-christlichen Zeremonie getraut werden und ich soll in einer Kirche ein paar Worte an das Brautpaar richten.
Eine Woche vor der Hochzeit rief Little Fish dann erneut an und fragte mich, was meine Dienste denn kosten würden. ‚Kosten? Ich betrachte das als eine Art Freundschaftsdienst, dafür nehme ich doch kein Geld’, erkläre ich ihr. Frage sie aber noch, ob Braut oder Bräutigam tatsächlich mit ihr befreundet sind. ‚Nein’, sagt sie jetzt plötzlich, ‚Ich kenne die Leute gar nicht’ und sie wird auf der Hochzeit auch gar nicht da sein. Ich bin verwirrt. Was soll ich auf einer Hochzeit von wildfremden Leuten und vor allem: Was soll ich denen erzählen? Nun erklärt sie, ein Freund von ihr leite eine Art Hochzeitsplanungsagentur. Bei ihm kann man verschiedenste Zeremonien buchen und er organisiert alles. Aktuell plant er eine Hochzeit nach westlichem Vorbild – und dafür braucht er einen Ausländer. Aha. Ich verstehe. Deshalb auch die Frage nach der Bezahlung…
Ich fühle mich hintergangen, werde aber trotzdem mitmachen. Wann bekommt man schon mal Gelegenheit einer chinesisch-christlichen Hochzeit beizuwohnen? Außerdem wird mir versichert, dass es sich bei meinem Auftritt nur um eine kleine Gastrede handelt. Nur ein paar Sätze auf Englisch – das exotische Element eben. Den Rest erledigen der Hochzeitsplaner und seine Mitarbeiter.
Ein paar Tage später werde ich zu einer Probe einberufen. Probe? Mir schwant Schlimmes. Als ich mich zum verabredeten Zeitpunkt in der Kirche einfinde, laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren: Altar und Bühne werden mit weißen Kerzen und jeder Menge Blumen ausstaffiert, Sitzbänke unter lauten Anweisungen des Hochzeitsplaner-Chefs arrangiert und in der Eingangshalle wird eine ‚Merry-Christmas’-Girlande (!) ausgerollt. Als der Chef mich erblickt, stürzt er auf mich zu und drückt mir das Skript in die Hand. Es sieht vor, dass ich die Messe lese. Ich bin entsetzt. Er stellt sich das Ganze so vor, dass ich auf der Bühne hinter dem Altar stehe und auf Englisch meinen Text aufsage und er dann übersetzt - schließlich wird voraussichtlich keiner der Hochzeitsgäste auch nur ein Wort englisch verstehen.
Ich beginne zu begreifen, dass er mich als Pfarrer zu verkleiden gedenkt und ich ohne Gesichtsverlust aus der Nummer auch nicht mehr herauskomme. Ich werde der Braut Jialin Jia und dem Bräutigam Chen Lei das Jawort abringen und ich werde den beiden die Frage aller Fagen stellen müssen: ‚Will you love and honor her/him all the days of your life?’ Und das auf einer Bühne stehend, verkleidet als Pfarrer mit Robe, behangen mit einem roten Schal und einem silbernen Kreuz. Holy Shit. Zu allem Überfluss erfahre ich noch, dass Chen Leis Vater ein hohes Tier in der Changchuner Provinzregierung ist und deshalb muss natürlich alles besonders reibungslos ablaufen.
Am nächsten Tag ist Hochzeit, an einem Werktag um 10.00 morgens. Unsicher stehe ich vor der Bühne herum. Ich kann mich mit niemandem so recht unterhalten. Der Chef ist noch aufgeregter als ich und kümmert sich um die letzten Feinheiten wie Musik und Kameraleute (!). Dann kommt endlich eine Frau auf mich zu. Sie überreicht mir meine Verkleidung und fragt mich nach meinem Glauben. Sie spricht ein bisschen englisch und es stellt sich heraus, dass sie Theologin ist und jeden Samstag den Gottesdienst macht. Ich fühle mich noch elender. Ein Wolf im Schafspelz. Dem Chef sind meine Zweifel egal – er hat die Kirche für dieses Event gebucht, es geht ihm ausschließlich um ein gutes Geschäft. Verdammte Ketzer sind wir, denke ich mir, als ich die unschuldig dreinblickende Pfarrerin betrachte.
Dann geht es los. Die Kirche ist voll besetzt, alle Kameraleute und Fotographen in Stellung. Die Tür öffnet sich und der Bräutigam betritt den Raum. Begleitet von seinem Trauzeugen läuft er zu ‚Ode an die Freude’ an den Gästen vorbei, um dann vor mir stehen zu bleiben. Das Publikum applaudiert. Dann die Braut. Flankiert vom Brautvater und einer Dame in weiß schreitet sie stolz zu ‚Amazing Grace’ auf den Traualtar zu. Jubel brandet auf. Dann kommt auch sie vor mir zum Stehen und die Menge wartet hoffnungsfroh auf meine Worte der Nächstenliebe. Im Grunde ist es egal, was ich sage, es versteht mich ja doch keiner. Trotzdem – ich halte mich an die Vorgaben und fange an, die Hochzeitspredigt zu halten, die der Agenturchef ganz offenbar irgendwo aus dem Internet hat. ‚Today we gathered here under the watchful eye of god...usw’. Nach jedem Absatz halte ich inne und warte auf die Übersetzung aus dem Off. Alles läuft wie geplant. Die entscheidenden Fragen werden von beiden artig bejaht, der Trauzeuge hat auf das vereinbarte Stichwort die Ringe zur Hand und der Aufforderung sich zu küssen, kommt das Paar auch sofort nach, sodass ich beide am Ende der Sitzung feierlich zu Mann und Frau erklären kann. Erneut brandet Jubel auf, ‚Ode an die Freude’ erklingt und ich bleibe wie versteinert hinter dem Altar stehen. Dann wendet sich das Paar zum gehen, die Hochzeitsgesellschaft folgt. Als alle die Kirche verlassen haben, stehe ich noch immer total verunsichert hinter meinem Altar, bis der Chef auf mich zukommt, irgendwas mit ‚Thank You, well done’ redet und ebenfalls verschwindet. ‚Äh ja, nichts zu danken’, rufe ich noch halbherzig hinterher, mit dem unschönen Gefühl missbraucht worden zu sein.
Nun bin ich alleine mit der richtigen Pfarrerin. Sie lädt mich ein am Gottesdienst am Samstag teilzunehmen. Vielleicht sollte das Angebot wahrnehmen, um dort Buße zu tun für diese unfassbar verlogene Vorstellung. Auf der anderen Seite – was ist schon passiert? Ich war Hauptdarsteller in einer trashigen chinesischen Hochzeit und habe zwei Menschen in den Hafen der Ehe geleitet. Außerdem dürfte es dem Hochzeitspaar und der Gesellschaft sowieso nur um das Event gegangen sein, auf dem ich das Maskottchen war. Na ja, wie ich es drehe und wende – irgendwie bleibt da ein komischer Beigeschmack. Später rät mir ein Freund, Visitenkarten anzuschaffen. Neben Gabelstaplerfahrer, Tankwart, Pizzabote und Lehrer könnte ich da jetzt auch Priester drauf drucken lassen. Warum eigentlich nicht…?
jan kammann am 05. Mai 10
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erschütternd
In der Schule bekomme ich häufig Dinge wie ‚Taiwan? Part of China, Teacher!’, zu hören. Nun ja, da gehen die Meinungen der Taiwaner, dem Rest der Welt und die der chinesischen Bildungsverantwortlichen doch offenbar weit auseinander. Anders verhält es sich mit Tibet – über Jahrhunderte Spielball verschiedener Mächte, ist das Dach der Welt heute zweifellos unter chinesischer Ägide. ‚Tibet part of China’ – das ist wohl so, trotz weltweiten ‚Free-Tibet’-Kampagnen, olympischer ‚Flame of Shame’ und gelegentlichen Stargastauftritten des Dalai Lama im deutschen Fernsehen.
Nicht nur bei uns ist das Thema Tibet emotional stark aufgeladen. Auch in China machen sich die Leute so ihre Gedanken. Für sie hält China Tibet nicht besetzt, sondern es hat es befreit und ist dabei es zu zivilisieren. Endlich müssen die Tibeter kein rückständiges Nomadendasein mehr führen, können schick essen gehen in Fastfood-Nudelrestaurants und sind auch sonst gerne eingeladen, am Wirtschaftsaufschwung teilzuhaben. Anders als in Deutschland wird der Dalai Lama nicht als Friedensengel, sondern gerne als ‚Spalter’ und ‚Separatist’ bezeichnet, der zusammen mit seiner ‚Clique’ den Umsturz plant.
Die große Politik – ein Minenfeld. Schon oft habe ich es gestreift in der Schule und auch privat und schnell gemerkt: Insbesondere Tibet ist eine heikle Angelegenheit. Darauf angesprochen, wittern Chinesen sofort eine Belehrung von aufgeklärten und besserwisserischen Europäern und gehen in Hab-Acht-Stellung. Ich finde es unheimlich schwierig, mir eine Meinung zu alldem zu bilden und beschloss mal selbst nachzuschauen – und zwar in Qinghai, einer Provinz auf dem tibetischen Hochplateau. Ich buchte einen Flug nach Xining, der Hauptsatdt der Provinz. In der Nähe liegt ein riesiger Salzwassersee, viele tibetische Tempel und der Geburtsort des Dalai Lama.
Zwei Tage vor meinem Abflug bebte die Erde in Yushu, einem Bezirk in Qinghai, bewohnt fast ausschließlich von Tibetern. Mein Ziel liegt zwar nicht unmittelbar in diesem Gebiet, dennoch ist das Erdbeben allgegenwärtig. Ich habe das Gefühl, im Epizentrum der Emotionen zu landen.
Mit mir besteigen internationale und chinesische Reporter und Kamerateams das Flugzeug. Schon am Flughafen wirken sie, als ginge es auf Klassenfahrt. Aufgeregt tauschen sie Informationen aus, telefonieren hektisch und rennen wild umher. Ja nichts verpassen. Ganz anders einige Mönche. In safranfarbenen Roben gekleidet, stehen sie verloren in einer Ecke herum. Einer von ihnen sitzt neben mir im Flugzeug. Er fliegt zu ersten Mal, ist nervös und weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Ich schnalle ihn an und bringe seinen Sitz in die richtige Position. Er wurde schon mehrfach von der Flugbegleiterin ermahnt. Er erzählt, er komme aus Yushu und lebt in einem buddhistischen Kloster in Peking. In einem Nebensatz erwähnt er, er habe gestern erfahren, dass zwei seiner jüngeren Brüder ums Leben gekommen sind, jetzt möchte er so schnell wie möglich nach Hause. Ich weiß nicht, was ich sagen soll außer Beileidbekundungen und klopfe ihm hilflos auf die Schulter.
Dann fällt sein Blick auf die aktuelle Ausgabe der China-Daily, der englischsprachigen Staatszeitung. Auf der Titelseite schüttelt der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao gerade die Hände von Geretteten im Erdbebengebiet. Vorsichtig schaut er sich um: ‚He is a very bad man’, flüstert er dann. Warum er so schlecht ist, will ich wissen, er schnaubt nur verächtlich und sagt Wen sei ein ‚Liar’. Vielleicht zu laut? Ängstlich sieht er sich um in alle Richtungen. Alleine, dass er Angst hat, gehört zu werden, wenn er seine Meinung über den Oberminister laut sagt, stimmt mich skeptisch. Er lässt Durchblicken, dass es dem Minister nur um schöne Bilder geht, in Wahrheit seien ihm die Tibeter egal.
Tatsächlich sind dem Ministerpräsidenten die Bilder aus Yushu wohl ziemlich wichtig – schon alleine deshalb, weil es 2008 besonders in dieser Region zu heftigen Aufständen gegen chinesische Autoritäten kam. Nun hat man Gelegenheit zu zeigen, dass man es eigentlich ja nur gut meint.
Auf dem Flughafen Xining werden Hilfstransporte ins Erdbebengebiet abgewickelt. Verletzte kommen an und Hilfsgüter werden von Soldaten in Flugzeuge verladen. Alle dürfen das fotografieren – ich auch. Auf der Busfahrt in die Stadt überholen uns endlose Kolonnen von Krankenwagen mit Sirenen und Blaulicht. Die Stimmung ist äußerst bedrückt.
Auch in dem Hostel, in das ich nach langer Suche einchecke. Ich erfahre, dass der Großteil der tibetischen Mitarbeiter aus Yushu stammt. Kaum jemand weiß, wie es Freunden und Angehörigen geht, einige haben bereits von Toten in der eigenen Familie gehört. Natürlich wollen alle so schnell wie möglich nach Hause. Nur – das ist kaum möglich. Viele Straßen sind zerstört und die wenigen Busunternehmen haben plötzlich die Preise angehoben. Angebot und Nachfrage lassen sich auch in solchen Momenten nicht aushebeln.
Auch hier ist niemand gut zu sprechen auf Wen Jiabao, dessen Gesicht auf allen Zeitungen prangt. ‚Sie respektieren uns einfach nicht, nur wenn wir chinesisch werden’, sagen sie. ‚Alles Lüge’ ist der Kommentar zu den Meldungen von heldenhaften Rettungstaten der chinesischen Armee und Lieferung von genügend Hilfsgütern. Im Hostel herrscht eine Stimmung aus Verzweifelung, Angst und Wut.
Zwar ausgelöst in einer extremen Situation, kommen diese Gefühle gegenüber der chinesischen Regierung bestimmt nicht von ungefähr. Die Vorwürfe des Dalai Lama, China betreibe ‚kulturellen Völkermord’ sind sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen.
Auf der anderen Seite sehe ich in Xining, eine Stadt, in der mehrheitlich Han-Chinesen leben, große Anteilnahme in den Straßen. Die Menschen sind aufrichtig betroffen, es herrscht eine allseits bedrückte Stimmung. Auf Benefiz-Veranstaltungen werden Spenden gesammelt und überall gibt es Blutspendestationen, vor denen lange Schlangen stehen. Eine sehr engagierte freiwillige Helferin erzählt mir, sie würde alles tun, um den Menschen zu helfen.
Was aber die Planer der Partei tun werden, um zu helfen, nachdem das Gröbste erledigt ist, wird sich erst zeigen. Werden sie die zerstörten Städte nach chinesischem Vorbild wieder aufbauen, oder lassen sie den Tibetern die zugesicherte Autonomie und verzichten auf Einflussnahme? Wohl eher nicht...So oder so - verkauft werden wird es als großer Erfolg der Mitmenschlichkeit und der Harmonie.
jan kammann am 16. April 10
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